Winterthur

«Händer au chli Angscht vor de Zuekunft?»

Karl’s Kühne Gassenschau lässt die Abfall-kalypse über den gepützelten «Sektor 1» hereinbrechen. Ein Stück über Verdrängung, Rebellion und köstliche Essensabfälle. In der Haupt­rolle: Ein tonnenschweres Bühnenbild mit Eigenleben.

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«Händer au chli Angscht vor de Zuekunft?» fragt die leicht demente Frau Ida das Publikum zu Beginn. «Das mönder nööd. Ide Zuekunft isch alles wunderschön und greglet.» Wir schreiben das Jahr 2066, die Menschheit hat die Apokalypse abgewendet und den Planeten aufgeräumt.

Den Abfall, in dem sie zu ersaufen drohte, hat sie mit Kübelwagen-Raketen in den Orbit geschossen. Damit es jetzt aufgeräumt bleibt, lebt die Menschheit unter ständiger Aufsicht von Wächtern, die noch die kleinste Umweltsünde streng und sofort bestrafen.Schöne neue Welt! Wer brav ist, darf eine Woche in den park-artigen Sektor 1, wo es noch echtes Gras und so etwas wie Natur gibt.

Familie Moretti hat artig Öko-Punkte gesammelt um sich diesen Traum zu erfüllen. Er wird rasch zum Alptraum: Der Park hat einen Elektrozaun und ein verbotenes Grillfeuer ist genug, dass Familienvater Giorgio in die Putztruppe abkommandiert wird. Diese rauen Gesellen, alles ertappte «Ökosünder», schrubben nachts den Park und hüten sein Geheimnis: Der Orbit ist undicht, der ganze Müll droht auf die Erde zurückzukommen. Doch das muss geheim bleiben: der ölige Aufseher Blumer und seine eiskalte Chefin, Frau Krähenbühl dulden keine Abweichung vom Protokoll.

Dessertbuffet für die Augen

Es ist fast unmöglich «Sektor 1» zu beschreiben, ohne die besten Stellen schon zu auszuplaudern. Anstelle einer Zusammenfassung des Plots folgt darum ein kleiner Exkurs über Sigmund Freuds Strukturmodell der Psyche, das sich anhand von Sektor 1 prima illustrieren lässt: Das zivilisierte Ich (Familienvater Moretti) gerät in den Schraubstock zwischen dem Über-Ich (die gestrengen Aufpasser mit ihren Regeln und Verboten) und dem triebhaften Es (die rumpelige Putztruppe).

Die Es-Bande säuft, gigelt, balgt sich um Altkleider und frisst schamlos die im Abfall gefundene Leckereien statt den Multivitaminschleim der Parkaufsicht zu löffeln. Andererseits ist sie zu Mitgefühl fähig, zu Trauer, sogar zu Liebe. Öko-Streber Moretti muss aus dem Regelkorsett ausbrechen und zum Menschen werden, um seine Familie zu retten.

Der richtige Blickwinkel, um das Stück zu geniessen, ist dann auch durch die Augen eines Kindes. Mit Freude an fantastischen Welten, irren Stunts und einer trotzigen Auflehnung gegen starre Regeln. Kinder bauen mit Engelsgeduld die ausgefeiltesten Bauten, nur um sie dann lachend in die Luft zu jagen. Puff! Bum! Tschaka! So ähnlich funktionieren auch die Gassenschau-Macher, nur dass die Kinder in diesem Fall Kräne bedienen dürfen.

Mit diesem Mindset sieht man auch ein paar Holprigkeiten hinweg. Das etwas gar niedlich geratene Figurenarsenal zum Beispiel, das stilistisch und sprachlich dem letzten Jahrhundert entspringt. Der Elternschreck: ein Punk. Der Haudrauf: ein Rocker. Die Secondos: Italiener. Die Jugendkultur: Rap. Um auch die abgebrühten Millennials abzuholen fehlt dem Stück der Strassendreck der Zeitgeschichte.

Die hochverdienten Theater-Veteranen der Gassenschau bedienen vor allem ihre eigenen Jahrgänge und alle, welche die miefige Gemütlichkeit der Schweiz der Achtzigerjahre noch selbst erlebt haben. Und die klatschen Standing-Ovations. Wie übrigens auch die Kinder: Sie haben eben von Natur aus die richtige Optik. Den Meckerliesen sei gesagt, dass die Stücke sich über die Spielzeit weiterentwickeln. Wer jetzt noch kein Ticket hat, und erst in Monaten eins bekommt, der bucht ein Stück mit «Upgrade».

Es dreht in den Köpfen weiter

«Sektor 1» kann mit seinem distopischen Setting kein reines Wohlfühlstück sein. Es dreht nach dem Schlussapplaus im Kopf weiter und bleibt offen für Interpretationen. Auch journalistische. Ein Kritiker der «Weltwoche» würde das Stück wohl so zusammenfassen: «Die kleinen Leute wehren sich gegen den politisch korrekten Öko-Terror.» Und: «Der Mega-Erfolg von Karl’s Kühne Gassenschau beweist, dass die beste Kunst ohne Subventionen entsteht.» In der linken «Wochenzeitung» dagegen könnte es heissen: «Die perfekte Welt ist ein Gefängnis.

‹Sektor 1› ist eine Metapher auf die scheinheilige Schweiz, die von ihren verdrängten Sünden heimgesucht wird.» Und als «Landbote»-Schreiber klopft das Winterthurer Herz: «Was sind wir doch Glückspilze: Die Gassenschau ist wieder in der Stadt! Hoffentlich bleiben sie noch ein zweites Jahr.»

Erstellt: 16.06.2016, 18:16 Uhr

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