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Hans Josephsohn – Und immer noch der Mensch

zürich. Hans Josephsohn, der in seinem Schaffen die menschliche Figur in kolossalen Plastiken abbildete, ist tot. Er starb in der Nacht auf Dienstag im Alter von 92 Jahren in Zürich.

Der Plastiker Hans Josephsohn (Bild) lebte seit 1939 in Zürich. 1920 im ostpreussischen Königsberg (heute Kaliningrad) geboren, fand er als jüdischer Flüchtling Aufnahme in der Schweiz. Sein Glück war, dass er vor dem Krieg nicht mehr in Deutschland lebte, sondern in Florenz studieren konnte und so dem Holocaust entkam. «Sein ganzes skulpturales Werk kann als der Versuch betrachtet werden, seine schmerzlich verlorene Familie und die flüchtige Existenz jedes Menschen gleichsam in dauerhafte Bronzegüsse zu retten», schreibt der Kunsthistoriker Guido Magnaguagno in seinem Nachruf in der «Neuen Zürcher Zeitung».

In Zürich wurde Josephsohn Schüler des Schweizer Bildhauers Otto Müller. 1943 eröffnete er sein eigenes Atelier. Einem breiteren Publikum wurde er spätestens 1997 mit einer Ausstellung im Zürcher Helmhaus bekannt. Die Schau vereinigte 40 gewaltige in Bronze oder Messing gegossene Rundplastiken, Halbfiguren und Köpfe sowie Reliefs, die er seit den 1940er-Jahren geschaffen hatte. 2003 überreichte ihm die Stadt Zürich ihren jährlich vergebenen Kunstpreis.

Gefühle, Konflikte, Niederlagen

Bereits 1992 entstand im Tessiner Dörfchen Giornico das Josephsohn gewidmete Museum «La Congiunta». Der Zürcher Architekt Peter Märkli konzipierte das Haus, das dreissig Werke Josephsohns beherbergt, als unscheinbaren Betonkubus. Im Innern wähnt man sich in einer Kirche, die nur von einem Oberlichtfenster ausgeleuchtet wird. Ausgestellt sind hier Josephsohns archaisch-figürliche Reliefs und frei stehende Halbfiguren, welche für das sakrale Ambiente wie geschaffen sind. Zeitlos erzählen sie Geschichten des Menschen, Geschichten über dessen «Gefühle, Konflikte, Niederlagen, Wünsche», wie der Künstler einst sagte.

In der Deutschschweiz ist Josephsohn im ehemaligen Kesselhaus der Färberei Sittertal in St. Gallen präsent. Hier, wo er bis vor wenigen Jahren noch gearbeitet hat, ist ein Lager und eine Ausstellungshalle entstanden, in der eine wechselnde Auswahl von Gipsmodellen und Bronzen zu sehen sind.

«Grosse Liegende» in Köln

In vielen Schweizer Ortschaften, beispielsweise in Langenbruck BL, in Chur oder in Schaffhausen, stehen Werke des Künstlers im öffentlichen Raum. Eine Übersicht bietet das Kesselhaus auf seiner Webseite. Für die Stadt Zürich sind gleich acht Standorte aufgeführt. Und wer das von Peter Zumthor entworfene Kunstmuseum des Erzbistums Köln (Kolumba) besucht, begegnet einem besonders prominent platzierten Werk Josephsohns: der «Grossen Liegenden», die im Hof auf einer Parkbank Pause macht. Die Messingplastik ist Teil der Schau «Hinterlassenschaft», welche «Spuren menschlicher Existenz» dokumentiert. Sie schlagen sich nieder in Alltagsgegenständen und künstlerischen Arbeiten. Die «Grosse Liegende» wirkt in dieser Umgebung wie ein Urgestein, wie wenn sie schon immer auf dieser Bank geruht hätte. Sie ist Mensch und Engel zugleich und verkörpert den engen Dialog zwischen weltlicher und sakraler, zwischen heutiger und alter Kunst.

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