Zum Hauptinhalt springen

Harmonie als Leitstern

Sie gelten, aber nicht ganz so eng: die Statuten der Stiftungsurkunde des Museums Oskar Reinhart. Das beweisen nur schon die verschiedenen Sammlungspräsentationen, über die Stefan Lauper referierte.

War am Ende alles für die Katz? Die ganzen Streitereien, ob ein Bild aus der Sammlung für immer und ewig an der immer gleichen Stelle zu hängen hat oder nicht? Ob auch mal ein sammlungsfremdes Werk auf bestimmte Zeit Einzug halten und überhaupt andere Nachbarschaften entstehen dürfen? Für die Katz die ganzen Streitereien, die vor rund viereinhalb Jahren im Gefolge des Museumskonzeptes ihren Anfang nahmen und zum auch finanziell kostspieligen «Museumsstreit» führten?

Der Eindruck konnte jedenfalls entstehen, wenn man dem Autor des vierten Vortrags der Reihe «Sammlermuseen: Perspektiven und Projekte» zuhörte. Stefan Lauper – der freischaffende Künstler, Filmemacher, Bühnenbildner und Lehrer absolviert derzeit ein Zweitstudium in Kunstgeschichte an der Universität Genf – untersucht in seiner Masterarbeit Oskar Reinharts Sammlungshängungen. Unter dem Titel «Die Form einer Sammlung – die Accrochagen von Oskar Reinhart» legte er vergangene Woche seine Erkenntnisse vor. Durchaus verblüffende Erkenntnisse, denn schon unter Reinhart selbst gab es kein unumstössliches Hängungskonzept: Das Hängungskonzept war in ständigem Wandel und muss, so Lauper, insgesamt als Work in progress verstanden werden.

Ein Work in progress freilich, der nicht etwa willkürlich war, sondern bestimmten Kriterien folgte. Es sind in erster Linie formale, also oft auch ästhetische, und weniger kunsthistorische Kriterien, die Oskar Reinhart für die Präsentation seiner Bilder wählte – in diesem Fall Werke von deutschen, österreichischen und Schweizer Künstlern des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts. Das mag nicht neu sein. Neu hingegen ist, dass Stefan Lauper ins Detail geht. Konkret: Er untersuchte die weitgehend rekonstruierbare Hängung einer Ausstellung, die Oskar Reinhart zusammen mit dem Maler (und Mitbegründer der Künstlergruppe Winterthur) Alfred Kolb besorgt hatte. Es handelte sich dabei um die Schau «Deutsche und Schweizer Maler des XIX. Jahrhunderts aus der Sammlung Oskar Reinhart», die im Frühling 1933 im Kunstmuseum Winterthur gezeigt wurde.

Bruchstückhafte Überlieferung

Lauper analysierte die Hängung im zentralen Gemäldesaal des Museums, wo Werke von Thoma, Trübner, Leibl, Feuerbach und Böcklin zu sehen waren, und demonstrierte in Wort und Bild, was diese auszeichnete. Sym­me­tri­en waren in Reinharts Hängung ganz wichtig, sodass es zu einer «eigentlichen Wellenbewegung entlang der Wand» kommen konnte und zu verwandten bzw. miteinander in Dialog tretenden Bewegungen motivischer und kompositorischer Art. Ebenso spielten Hell-Dunkel, Farbtonalität und -intensität eine wichtige Rolle.

Das alles sind Kriterien, die auch für die ursprüngliche Hängung in Oskar Reinharts erstem Museum bestimmend waren. Und da fangen die Schwierigkeiten an, denn Oskar Reinhart hat nie eine Anstrengung unternommen, «seine» Hängung systematisch zu dokumentieren. So kennt man gerade mal von knapp 20 Prozent der Werke den Platz, den sie bei der Eröffnung des Museums an der Stadthausstrasse 1951 eingenommen haben. Noch zu Lebzeiten des Stifters (er starb 1965) gab es eine Vielzahl kleinerer und grösserer Veränderungen – durch Neuzugänge und Verkauf, durch Vorschläge von Stiftungsratsmitgliedern und «illustren Besuchern», für die Oskar Reinhart stets offen war. Und sowohl er als auch die späteren Verantwortlichen haben sich längst nicht strikt an alle Paragrafen der Stiftungsurkunde gehalten.

Lauper kommt zum Schluss: Ist schon die «Originalhängung» nur sehr bruchstückhaft überliefert, so ist «die Erscheinungsform des Museums zum Zeitpunkt des Todes des Sammlers noch spekulativer». Schade, mag man sich sagen, dass weder die erste noch die letzte Sammlungspräsentation zu Lebzeiten des Stifters je dokumentiert wurden. Schade auch, dass 1993, als das Museum Oskar Reinhart für Umbau und Erweiterung für zwei Jahre geschlossen wurde, angesichts der Fülle der Aufgaben niemand an eine Dokumentation der damals aktuellen Hängung dachte – Konservator Peter Wegmann hat danach manche neue Nachbarschaft hergestellt und mehr System in die Präsentation gebracht. Und Stefan Lauper? Mit seiner Analyse von temporären Ausstellungen aus der Zeit, bevor die Sammlung ein eigenes Haus erhielt, leistet er einen wichtigen Beitrag: zum Verständnis der gestalt­gebenden Hand des Sammlers, die man bei künftigen Änderungen der Präsentation mit dem nötigen Respekt berücksichtigen sollte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch