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Harz, Feuer und Böller anstelle von Sirenen

Alle Jahre wieder testet der Bund seine Sirenen im Land. Bis vor 150 Jahren wurde das Volk jedoch noch mit Feuer, Rauch und Böllern vor Bedrohungen gewarnt.

Heute Nachmittag um halb zwei ist es wieder so weit: Der alljährliche Sirenentest steht an. Vor gar nicht so langer Zeit war jedoch das Feuer und nicht die Elektri­zität Trumpf: Im Kanton Zürich gab es 23 sogenannte «Hochwachten». Diese Signalpunkte standen auf hoch gelegenen Punkten und hatten die Aufgabe, die Bevölkerung vor Gefahren – mehrheitlich feindlichen Armeen – zu warnen und die eigene Armee zu mobilisieren. Dieses Alarmsystem – eine der ältesten Militärtechniken – war eine Reaktion auf den Beginn des Dreissigjährigen Krieges 1618. In der Region Winterthur entstanden so etwa die Hochwachten auf der Kyburg, dem «Schouwenberg» bei Turbenthal, der Mörsburg, dem Irchel und dem Stammerberg. Harzpfanne, Holz und Mörser Die Ausrüstung der Hochwachten war damals klar vorgegeben. Doktor G. J. Peter schrieb 1907 in seinem Bericht «zur Geschichte des zürcher. Wehrwesens im 17. Jahrhundert», dass jede Hochwacht «ein Quantum dürren Holzes oder eine Harzpfanne samt genügend vorrätigem Pech zum Anzünden des Holzvorrates» besitzen sollte. Laut dem Zürcher Historiker Leonhard von Muralt soll der Pfannenstiel seinen Namen dieser Harzpfanne verdanken. Je nach Sicht mussten die Männer auf den Hochwachten unterschiedlich reagieren. In der Nacht war das Feuer gut sichtbar, am Tag wurde mit Rauch kommuniziert. Dafür gab es «Tannkrysz und allerlei Studen, darmit ein Rauch machen ze können», wie es im «Defensional» vom Stadtingenieur Johann Haller aus dem Jahre 1620 heisst. Bei Nebel wurde ein Mörser eingesetzt, der akustische Warnschüsse in den Himmel schoss – quasi der Vorgänger der heutigen Sirene. Um nicht fälschlicherweise einen Waldbrand für ein Signalfeuer zu halten, gab es ein weiteres Instrument. Ein langes Rohr mit einem Visier am Ende war mittels einer Kerbe auf die Hochwachten in der Gegend ausgerichtet – ein sogenannter «Absichtsdünchel». So konnte ermittelt werden, ob das Feuer auch tatsächlich von einer anderen Hochwacht stammt. Die Hochwachten besassen in der Regel auch einen Wachturm. Den Turm durfte jedoch nicht jeder bewachen. So steht im Pflichtenheft der zürcherischen «Ordonnanz der Hochwachten» von 1703 geschrieben: «Sie sollen ­nüechternen und ehrbaren verhaltens sein; bescheidenlich umbgehen, keine Stichel- und zanckreden, noch ohnehrbare geschwätz treiben, alles spillens sich mueszigen; bey auf- und abführung der wachten sich still verhalten und graden wäges fortgehen.» Ausserdem sollten sie keine anderen Güter oder Häuser «geschänden». Aber vor allem sollten «die wachten den wachtmeisteren alle gehorsame erzeigen». Effizient, aber anfällig Das System mit den Hochwachten war für die damalige Zeit ex­trem effizient. Durch eine strategisch kluge Vernetzung konnten innerhalb von 15 Minuten alle Gebiete im Kanton verständigt werden. Bei Fehlalarmen waren die Auswirkungen jedoch gross. So flammte 1664 am Menzinger Berg ein Feuer auf – jedoch nicht von einer Hochwacht – und die Hochwacht in Zug reagierte dar­auf mit Böllerschüssen. Der «Alarm» verbreitete sich innert Kürze und die bewaffneten Truppen standen bereit. Da beide Armeen den Befehl hatten, defensiv zu agieren, ging es jedoch glimpflich aus. Ein zweiter Vorfall ereignete sich 1703 in Weiach, als elsässische Touristen fälschlicherweise für Spione gehalten wurden. Zwei Frauen schrien voller Angst: «Der Franzos ist im Land!» Der Wachtmeister auf der Hochwacht war aber glücklicherweise skeptisch und alarmierte die anderen Hochwachten nur halbherzig. Tradition lebt weiter Den letzten Einsatz erlebte das Hochwachtensystem 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges. Danach erloschen die Feuer, und die elektronischen Nachrichten starteten ihren weltweiten Siegeszug. Wer diese Art der Kommunikation heute – wenn die Sirenen heulen – vermisst, dem sei gesagt, dass einmal im Jahr nach wie vor Holzbeigen angezündet und Böller in die Luft geschossen werden – am 1. August.

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