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Heimliche Helden im Rampenlicht

Bleistifte, Teebeutel, Gummibänder oder Einmachgläser: Wir benutzen sie täglich und machen uns wenig Gedanken darüber, wer sie erfunden hat. Die Ausstellung «Heimliche Helden» im Gewerbemuseum bringt die alltäglichen Dinge in unser Bewusstsein.

Haben Sie gewusst, dass die Geschichte des Bleistifts bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht? Und dass er seinen Namen einem Irrtum zu verdanken hat? Die Entdeckung der ersten Graphitgrube in Nordengland ging der ganzen Entwicklung voraus. Graphit wurde lange für Bleierz gehalten, dieser Verwechslung verdankt der Bleistift seinen Namen. Erst im Jahr 1779 wies Karl Wilhelm Scheele nach, dass es sich um Kohlenstoff handelt. In der Folge entwickelte Nicolas Jacques Conté das heutige Prinzip des Bleistifts mit einer Mine, die aus Ton und Graphit gebrannt und mit Holz eingefasst ist. Bevor es den Bleistift in seiner gegenwärtigen Form gab, wurde die Schreibmine jedoch mit Papier oder Schnur umwickelt oder in Halterungen eingespannt. Später dann wurde die Mine zwischen zwei längliche, eingekerbte Holzlatten geklebt und abgehobelt. Heute braucht es vier Arbeitsschritte für die Herstellung der Bleistifte: Im ersten Arbeitsgang werden neun Rillen in ein Zedernholzblättchen gefräst und mit Leim aufgefüllt. Darauf, in einem zweiten Schritt, legt ein Förderrad die Minen in die Rillen des Unterbrettchens. Beim dritten Arbeitsschritt wird von oben ein zweites Brettchen auf das untere gelegt, sodass die Minen dazwischenliegen. Im vierten und letzten Arbeitsgang schält ein Hobelautomat neun fertige Stifte aus dem Doppelbrettchen. Multimedial inszeniert Es gibt unzählige Dinge im Alltag, wie eben den Bleistift, die wir täglich benutzen, über die wir uns aber keine Gedanken machen. Die Ausstellung «Heimliche Helden. Das Genie alltäglicher Dinge» holt 36 dieser Alltagsklassiker aus ihrem Schattendasein heraus und rückt sie in unser Bewusstsein. Die vom Vitra-Design-Museum als Wanderausstellung konzipierte Schau gibt Einblick in die Geschichte der Exponate. In den multimedial inszenierten Schaukästen findet man Zeichnungen und Patentschriften der Erfinder, Werbetafeln aus vergangenen Zeiten, als sich die Produkte noch eta­blie­ren mussten, oder auch Industriefilme von heute. Die heimlichen Helden haben Standards gesetzt, auf die sich ein zweiter Blick lohnt. Oft lassen sich an ihren Geschichten auch grössere Zusammenhänge der Kultur- und Industriegeschichte ablesen. So erzählt die Geschichte des Bleistifts auch etwas über die Demokratisierung der Bildung und des Schreibens. Und das Post-it verbreitete sich als kleine Haftnotiz beinahe zur gleichen Zeit wie der Computer. Die kleinen Zettelchen wurden im Zeitalter der digitalen Textverarbeitung zu ständigen Begleitern und liessen letzte Freiräume für handschrift- liche Notizen . «Häufig ist die Entwicklung der Produkte auch auf die Entdeckung eines neuen Materials zurückzuführen», erklärte Markus Rigert, Leiter des Gewerbemuseums, vor der Presse. «Der Werkstoff machte den Weg für neue Ideen frei.» Wie etwa die Entdeckung des Graphits, welche die Entwicklung des Bleistifts nach sich zog, und für die Kreation der Gummibänder war die Erfindung von Gummi nötig: Thomas Hancock entdeckte kurz nach Charles Goodyear Mitte des 19. Jahrhunderts das chemisch-technische Verfahren, mit dem man durch Hinzufügen von Schwefel aus Kautschuk Gummi herstellt. Im November 1843 liess er sich in England ein Patent für die Vulkanisation erteilen. Nur ein Jahr später brachte Steve Perry, ein Lizenznehmer von Hancock, das erste Gummiband auf den Markt, das am 18. März 1845 patentiert wurde. Manchmal legte jedoch auch ein Zufall den Grundstein für ein Produkt, wie etwa beim Klettverschluss: Es waren Kletten im Fell seines Hundes, die den Schweizer George de Mestral zur Erfindung des Klettbandes inspirierten. Heimliche Helden sind Dinge, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt und dabei zahlreiche Variationen hervorgebracht haben. Bis sie schliesslich eine Form erreicht haben, die heute kaum mehr übertroffen werden kann. Ein weiteres schönes Beispiel dafür ist die Büroklammer. Ihre Entstehung reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als es erstmals gelang, Stahldraht maschinell zu biegen und zu schneiden. Den Urtypus der Wäscheklammer, wie wir sie kennen, erfand der Amerikaner David M. Smith im Jahr 1853. Vorher wurde sie aus Ruten gefertigt, die man in der Mitte spaltete. Zwar wurde sie schon oft totgesagt. Weil das Lufttrocknen der Wäsche am Seil aber wesentlich ökologischer ist als das Trocknen im Tumbler, wird sie uns wohl noch eine ganze Weile weiter begleiten. Dinge zum Anfassen Bei all den Produkten in den Schaukästen heisst es: Nicht berühren. Eine Ausstellung im Gewerbemuseum wäre jedoch keine richtige Ausstellung, wenn es nicht eine Ecke gäbe, in der man sich ganz praktisch mit den Dingen befassen könnte. Deshalb gibt es in Winterthur einen Raum, in dem man mit Kabelbindern filigrane Skulpturen kreieren und mit Post-its Wandbilder gestalten kann. Und es können auch verschiedene Flaschenöffner oder Reissverschlüsse ausprobiert werden. Dazu gibt es öffentliche Führungen und Workshops für Schulklassen.

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