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Herumsurren in Paris

paris. Seit einem Jahr vermietet die Stadt Paris Elektroautos – und dies offenbar mit wachsendem Erfolg: Die gewagte Umweltaktion erweist sich vor allem auch als ökonomisch gangbar.

Das Mittagessen im Marais-Viertel hat wieder einmal zu lange gedauert und Jérôme hat noch genau fünf Minuten, um sein Büro bei der Bastille zu erreichen. Kein Problem für den 50-jährigen Informatiker. Er nähert sich dem nächsten Autolib-Stand, steckt eine Magnetkarte in die Zapfsäule und kann eines der drei wartenden Elek­troautos wählen. Mit geübtem Handgriff zieht er das Ladekabel ab und schwingt sich hinter das Steuer. In vier Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz sein.

Jérôme ist einer von 67 000 Pariserinnen und Parisern, die den neuartigen Dienst in den letzten zwölf Monaten benützt haben. Autolib ist weltweit der erste flächendeckende Verleihdienst mit Elektrowagen, kleinere Experimente gibt es erst in Ulm oder Vancouver. Am 5. Dezember 2011 lanciert, funktioniert der städtische Service wider Erwarten gut. Der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë wollte damit in erster Linie einen Umsteigeffekt in der verkehrsgeplagten französischen Me­tropole erwirken. Hauptstadtbewohner sollten die Möglichkeit erhalten, einzelne Fahrten mit einem eigenen Gefährt zu absolvieren, ohne gleich ein Auto kaufen zu müssen.

2,8 Fahrten pro Tag und Auto

Skeptiker taten das Projekt als zu teuer, zu kompliziert und zu unökologisch ab. Doch nach einem Jahr ist das Plansoll von 50 000 Abonnenten mehr als erfüllt, und jedes «Autolib» wird im Tagesschnitt für 2,8 Fahrten gebraucht. Der Elektrowagenunternehmer Vincent Bolloré will mit dem Betrieb schon 2014 Geld verdienen. Die Stadt Paris und umliegende Gemeinden stellten ihm die Standplätze zur Verfügung, für die Bolloré eine Jahresmiete von je 750 Euro zahlt. Ausserdem übernimmt Bolloré neben der Herstellung auch den Unterhalt der Autos.

Nach einem Jahr sind 1740 solcher «Autolibs» in der Agglomeration von Paris im Angebot. Und das ist erst der Anfang: Langfristig sollen an der Seine 5000 der silbriggrauen Elektrokleinwagen herumsurren. Ein Jahresabonnement kostet 144 Euro, eine Tagesmiete 10 Euro. Dazu kommt eine Fahrgebühr von rund 5 Euro pro halbe Stunde. Laut einer Studie des französischen Konsumentenverbandes CLCV sind 80 Prozent der Benützer zufrieden mit dem Angebot und dem Preis. Ein Fünftel erklärt allerdings, die Autos seien in schlechtem Zustand. Einzelne Teile seien oft defekt. Die Elektronik scheint hingegen zu funktionieren. Dem Vernehmen nach gab es nie grössere Pro­bleme mit den Batterien und auch das voll digitalisierte Mietsystem ist benutzerfreundlich. Es kommt ohne Schlüssel aus, und wer seine Magnetkarte auf den Bildschirm an das Armaturenbrett hält, wird persönlich begrüsst und durch die Anwendung begleitet.

Alles in allem kann Delanoë einen neuen verkehrspolitischen Erfolg feiern, nachdem sein städtischer Fahrradverleih Vélib schon eingeschlagen hat. Die grobschlächtigen Metallesel sind aus dem Strassenbild von Paris nicht mehr wegzudenken.

Von den Grünen bemängelt

An den «Autolibs» bringen allerdings viele Grüne Kritik an, obwohl sie mit Delanoë in einer rot-grünen Regierungskoalition verbündet sind. Die CLCV-Erhebung kommt nämlich zum Schluss, dass der beabsichtigte Umsteigeeffekt bisher weitgehend ausgeblieben ist. 45 Prozent der befragten Autolib-Benützer schränken den Gebrauch ihres privaten Autos überhaupt nicht ein, andere nur sehr geringfügig. Eher scheint es, dass eine Fahrt im «Autolib» die öffentlichen Verkehrsmittel, vor allem die U-Bahn, ersetzt. Und das war eigentlich nicht beabsichtigt gewesen. Delanoë glaubt allerdings auch dagegen ein Mittel zu haben. Er will neue Autolib-Kunden mit einem Halbjahresabo ködern, das den Umstieg vom eigenen Auto wirksam erleichtern soll.

Gewerbetreibende monieren ihrerseits, dass die ohnehin raren Parkplätze in Paris noch seltener geworden seien, da wegen der baulichen Anpassungen für Autolib über 4000 normale Parkplätze verschwunden seien. Sie verschaffen sich aber ebenso wenig Gehör wie die Mietfirmen, die gegen die «Autolibs» – vergeblich – einen Prozess wegen «unloyaler Konkurrenz» angestrengt haben.

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