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Hinter dem Horizont

Vom Rand der Leere über Nachtarbeit bis zu Mutterglück: Die Visions du Réel zeigen Annäherungen an die Wirklichkeit. Heute geht das Dokumentarfilm­festival mit der Preisverleihung zu Ende.

Seit diesem Jahr halten die Schnellzüge nicht mehr in Nyon, die Verbindungen gehen jetzt über Lausanne oder Genf. Angeschlossen an die grosse Welt ist die kleine Stadt im Waadtland zurzeit mit den Kinosälen, von der Salle Communale im Zen­trum über das Capitole 1 und 2 bis zum Théâtre de Marens. Hier zeigt sich an der 19. Ausgabe der Visions du Réel, des bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Schweiz, was draussen so läuft, an Orten, die man nicht so kennt. Und man sieht auch, wie es in den Filmemachern drinnen ausschaut. Reflexion, Erkundung, Entdeckung, das sind die Leerformeln für den Prozess dieser filmischen Aneignung der Welt. Wie immer gehen die Visions du Réel hier an die Ränder. «Au bord du vide», der Titel des Films von Jean-Claude Cottet, gibt dazu ein schönes Beispiel. Zwei Männer sind unterwegs in einer Landschaft, die sie sehr anzieht. Auf die Berge wollen sie steigen, aber über die ersten Schwierigkeiten des Klettersteigs kommen sie nicht hinaus. Sie refüsieren vor der Leere, die sich vor ihnen auftut, und machen dann ihre Angst selber zum Thema. Spiegelungen gehören zu den Visionen der Wirklichkeit. Allerlei Schmerzen Der Dokumentarfilm als Egotrip: Die diesjährige Ausgabe des Wettbewerbs geht sehr in diese Richtung. Der Schweizer Beitrag «Zum Beispiel Suberg» von Simon Baumann erklärt ein Dorf im Mittelland zur Welt. Der Prot­ago­nist macht sich auf den Weg von Haus zu Haus und befragt die Menschen in seinem Heimatort, zu dem er nie eine Verbundenheit hatte, es ist eine persönliche Recherche über die Abgrenzung im Kleinen. Hecken, so zeigen die Bilder, sind ein konstitutives Merkmal der Schweizer Landschaft. Und auch hier spielt, wie in vielen Dokfilmen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie hinein. Baumanns Grossvater war ein Dorfkönig. Sein Vater, der für die Grünen politisierte, ist nach Frankreich ausgewandert. Und der Sohn hat ein Imageproblem. Der Schmerz über den Verlust von Heimat ist aber selbst gemacht. So wie man in die Schweiz hineinschreit, so kommt es auch heraus. Andere Filme aus der Schweiz sind da welthaltiger. Valerie Gudenus, die 2010 die Zürcher Kunsthochschule abgeschlossen hat, öffnet mit «Ma na sap­na – A Mother’s Dream» den Blick auf ein verschwiegenes Terrain, sie lässt in ihrem Film sechs Leihmütter, die in einer Klinik in Nordindien für fremde Paare Kinder austragen, zu Wort kommen. Dieses filmische Dokument gibt ihnen ein Gesicht, in einem Business, das solche Frauen zum Objekt degradiert: Geburt heisst da Auslieferung. Wir begleiten die Frauen auf ihrem Weg von den Slums, wo sie kein Auskommen mehr haben, in die Klinik, wo alles für den reibungslosen Ablauf der Schwangerschaft gemacht wird. Manchmal verspäten sich die «Eltern» zur Auslieferung, die «kanadischen Zwillinge» wachsen dann die ersten Wochen mit der Leihmutter auf. Bis sie dann, thank you very much, vom Paar abgeholt werden, zurück bleibt die grösste Leere. Da braucht es gar keine überhöhten Bilder oder einen Ego­kommentar, dieser Film zeigt den Schmerz eines Landes. An die Grenzen geht auch der herausragende Wettbewerbsbeitrag «Night Labor» der amerikanischen Filmemacher David Redmon und Ashley Sabin, sie bebildern einen Tag und eine Nacht im Leben von Sherman, einem Einsiedler von Mann an der amerikanischen Ostküste. Tagsüber gräbt dieser Sherman nach Muscheln, am Abend geht er in die Fischfabrik, wo er alles für die Schicht am nächsten Morgen vorbereitet: er schleift Werkzeuge, stellt die Körbe bereit, schweisst, putzt. Klinisch rein ist diese Umgebung, wo am Tag schockweise Hummer in Kartons eingesteckt werden. Sherman ist da ein Fremdkörper, er raucht zu viel und singt zu falsch. Am Morgen nach seiner Arbeit geht er hinaus aufs Meer und verfüttert die Makrelen, die er in der Nacht filetierte, an die Möwen. Bild für Bild erschliesst sich hier ein Universum. «Ruhe und Klänge sind unsere Ausdruckspalette», sagen die Filmemacher über ihre Art, Geschichten zu erzählen. Aber auch mit Bildgedichten kann man die Welt zeigen, so wie sie ist. Gegen alle Widerstände Manchmal konnte man so in Nyon fast depressiv werden, jeder Film zeigte ein Schicksal, und oft war es sehr traurig, wie schwer es die Menschen in den verschiedenen Wettbewerbssektionen haben. Glückskinder sind hier eine Ausnahme. Aber es gibt auch einen Weg aus dem Unglücklichsein heraus. Das schönste Beispiel ist hier «Ranandeh va roobah», übersetzt: «Der Lastwagenfahrer und der Fuchs», ein Film aus dem Iran. Arash Lahooti porträtiert ganz spielerisch einen Mann, der Geschichten inszeniert mit Tieren, die in seinem Haus leben. Zu sehen ist das Making-of von Leben zwei. Zwei Esel, die sich ineinander verlieben, ein Fuchs, der erst noch gefangen und geföhnt werden muss, und eine Elster spielen eine Rolle in diesem Tierlifilm. Liebenswert ist diese Geschichte, sehr lustig – und sie ist noch viel mehr: eine Fabel darüber, wie sich gegen alle Widerstände ganz eigene Vorstellungen verwirklichen lassen, dies in einer Landschaft, die Träume eigentlich nicht zulässt. Mit Visionen der Wirklichkeit kommt man weit.

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