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Höhere Prämien für Landbewohner

Wie würde sich die Einheitskasse auf die Prämien auswirken? Bundesrat und Branche warnen vor höheren Prämien – die Initianten widersprechen. Klar ist, wer wegen des Systemwechsels mehr zahlen müsste: Landbewohner und Kunden von Kassen mit tiefen Prämien.

Für viele ist es wohl die alles entscheidende Frage: Wie verändern sich in Zukunft die Prämien, wenn die Initiative für eine einzige öffentliche Krankenkasse am 28. September eine Mehrheit findet? Die Antworten der beiden Lager sind naturgemäss diametral verschieden. Ein Überblick: • Wer heute viel zahlt, zahlt nachher weniger – und umgekehrt. Dieser Punkt dürfte unbestritten sein: Wer heute bei einer Kasse mit vergleichsweise tiefen Prämien versichert ist, müsste künftig mehr bezahlen. Umgekehrt dürfen die Kunden teurer Krankenkassen auf Entlastung hoffen. Das liegt in der Natur der Sache, wenn die heute 61 Kassen in der Grundversicherung durch eine einzige Anbieterin ersetzt werden. Die Angleichung der Prämien ist rein durch den Systemwechsel bedingt. Ihre Folgen sind aber nicht zu unterschätzen, da die heutigen Unterschiede zwischen den Kassen enorm sind. Das zeigen zum Beispiel die Extremwerte für die Stadt Zürich: Bei Assura kostet die Grundversicherung gerade mal 340 Franken im Monat, bei Visana hingegen 470 Franken (alle Zahlenbeispiele gelten für eine Franchise von 300 Franken). • Landbewohner zahlen mehr, Städter weniger. Auch hier besteht Einigkeit: Weil die Initiative kantonal einheitliche Prämien vorschreibt, würde sie die heutigen Prämienregionen zum Verschwinden bringen. Zurzeit sind die Prämien nur in 15 kleineren Kantonen einheitlich, während die elf grösseren in zwei oder – wie Zürich – in drei Prämienregionen unterteilt sind. Die Folgen sind absehbar: Die Städter, die heute die höchsten Prämien bezahlen, werden im Durchschnitt entlastet. Dafür müssten Bewohner ländlicher Regionen, welche heute die günstigste Prämienregion 3 bilden, höhere Prämien in Kauf nehmen. Das kann im Einzelfall durchaus spürbar sein. Als Anhaltspunkt: Im Kanton Zürich verlangt Marktführerin Swica in der teuersten Region 1 zurzeit 440 Franken, in der Region 3 hingegen lediglich 360 Franken. Die Differenz zwischen der Stadt Zürich und beispielsweise Hinwil macht damit fast 1000 Franken im Jahr aus. Allerdings stehen die Prämienregionen nicht nur wegen der Einheitskassen-Initiative auf der Kippe. Der Bundesrat hat sich schon mehrfach dafür ausgesprochen, die Prämienregionen mindestens zu straffen, wenn nicht gar aufzuheben, da die regionalen Kostenunterschiede seit Jahren sinken. Das Parlament lehnt dies bisher aber ab. • Mehr Prämienverbilligung? Wenn hohe und tiefe Prämien angeglichen werden und regionale Unterschiede wegfallen, wirkt sich dies möglicherweise nicht nur auf die einzelnen Haushalte aus. Auch die Budgets von Bund und Kantonen werden betroffen sein, warnt der Bundesrat, der die Initiative ablehnt: Aus seiner Sicht wird der Wegfall der tiefen Prämien bewirken, dass mehr Haushalte die Prämien nicht mehr alleine bezahlen können und auf Prämienverbilligung angewiesen sein werden. Heute geben Bund und Kantone für diese Zuschüsse 4Milliarden Franken im Jahr aus. Allenfalls müssen auch die Sozialhilfe-Budgets erhöht werden, da beispielsweise der Kanton Bern seine Zahlungen am Prämienniveau der zehn günstigsten Krankenkassen bemisst. • Was passiert mit den Prämienrabatten für Kinder sowie bei höheren Franchisen? Dieser Punkt ist heftig umstritten. Ein von den Gegnern der Einheitskasse in Auftrag gegebenes Gutachten legt die «einheitliche Prämie» pro Kanton sehr eng aus und folgert, dass es künftig keine Rabatte für Kinder und Jugendliche mehr geben werde. Ebenso verboten wären demnach Rabatte für Personen, die eine höhere Franchise oder Hausarztmodelle wählen. Wenn das stimmt, wären vor allem Familien mit Kindern massiv betroffen. Allerdings ist die Sachlage unklar. Die Initianten beurteilen das Gutachten als «abenteuerlich». Und auch der Bundesrat geht auf Distanz: Aus seiner Sicht wäre das Parlament bei der Umsetzung der Initiative frei, alle diese Rabatte auch weiterhin zuzulassen. • Wie würden sich die Prämien mittelfristig entwickeln? Unbestritten ist, dass rund 95Prozent der Prämien direkt für Gesundheitsleistungen von Spitälern, Ärzten und so weiter weggehen. Damit ist klar, dass die Entwicklung der Prämien von der Entwicklung der Gesundheitskosten abhängt. Aus Sicht der Gegner wird eine Einheitskasse die Kosten stärker wachsen lassen, da die Konkurrenz entfällt und damit der Druck, tiefe Prämien anzubieten. Auch der Bundesrat warnt vor einem Prämienanstieg: «Ein Monopolist, der nicht im Wettbewerb steht, hat weniger Anreiz zum effizienten Einsatz der Prämien, da er die Prämien erhöhen kann, ohne die Abwanderung der Versicherten befürchten zu müssen.» Der Bundesrat geht deshalb davon aus, dass die Einheitskasse weniger auf eine effektive Kostenkontrolle achten würde als die heutigen Kassen. Aus seiner Sicht wird dieses Problem noch dadurch verschärft, dass in den Leitungsgremien der Einheitskasse explizit auch Spitäler und Ärzte Einsitz hätten. Die Initianten hingegen versprechen, mit der Einheitskasse lasse sich ein Sparpotenzial von rund 10 Prozent der Gesamtkosten der Grundversicherung realisieren. Das wären 2,3 Milliarden Franken im Jahr. Der kleinste Teil davon – rund 300 Millionen – soll wegfallen, indem die Einheitskasse weniger Werbung macht und die Kosten der Kassenwechsel wegfallen. Das ganz grosse Sparpotenzial im Bereich von 2 Milliarden jährlich orten die Initianten bei der Behandlung der kleinen Minderheit der «teuersten» Versicherten: Aus ihrer Sicht wird eine Einheitskasse dafür sorgen, dass diese Personen koordinierter betreut werden als heute. Dadurch sollen die Kosten sinken und die Qualität mindestens gleich bleiben. Aus Sicht der Initianten halten sich die Krankenkassen heute in diesem Bereich zurück, weil sie kein Interesse daran hätten, diese kränksten Versicherten anzuziehen.

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