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Hoffnung auf die junge Generation

Samir spricht über seinen neuen Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» und das, was sich nicht in dieser ­monumentalen Familiengeschichte über ein Jahrhundert voller Hoffnung, Krieg, Chaos und Exil befindet.

«Iraqi Odyssey» ist ein gewal­tiges und ungemein vielschichtiges Familienepos, beeindruckend auch durch seine Länge von fast drei Stunden ... Samir: (unterbricht) Entschuldigung, aber ich verstehe nicht ganz, worauf Sie mit dieser Frage hinauswollen und was ich darauf antworten soll. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mit dieser epischen Länge nicht möglicherweise gewisse ­Zuschauer abschrecken oder gar überfordern. (seufzt) Fragen Sie Frederick Wiseman auch, warum er in seinem Film den Zuschauer drei Stunden lang durch die National Gallery führt? Oder einen Hollywood-Regisseur, warum sein Action-Spektakel zweidreiviertel Stunden dauert? Ich würde das auch fragen, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, sie hat sich so aber noch nicht ergeben – aber es gibt auch eine neunzigminütige Version von «Iraqi Odyssey». Ja, das ist so, ich habe für den WDR – der den Film mitproduzierte – eine Kurzfassung zusammengeschnitten. Und wie diese zustande kam, war ja bezeichnend: Die zuständige Redakteurin schaute sich meinen «Director’s Cut» an, war davon angetan und sagte dann, dass sie nun auch noch eine kürzere Version haben müsse. Ich schlug ihr dann vor, sie solle mir sagen, wo sie Kürzungsmöglichkeiten sehe – worauf sie meinte, das wisse sie nicht. Dar­aufhin machte ich Vorschläge: Wenn ich die Geschichte mit meinem Grossvater weglasse, ist der Film schon mal um 40 Minuten kürzer, und wenn ich dann auch noch meine Cousine und schliesslich auch noch meine eigene Geschichte weglasse, hätte der Film die erforderliche Länge. Worauf die Redakteurin fand, das gehe gar nicht, denn nur durch den Grossvater erfahre man die ganze Vorgeschichte, und einzig mit der Cousine sei die dritte, in der ­Diaspora geborene Generation repräsentiert – und ich selber sei ja als Erzähler unerlässlich für den Film. Und wie ging es weiter? Da von der Redakteurin keine ­Alternativvorschläge kamen, schnitt ich den Film dann genau in der hier ausgeführten Weise zusammen – und ich bin mit dem Ergebnis entsprechend (un-)zufrieden. Ich möchte noch mal betonen: Eine so weit verzeigte, sich über so grosse geografische und zeitliche Räume erstreckende ­Familiengeschichte lässt sich in neunzig Minuten nicht erzählen, es fehlen dann einfach zentrale Teile. Ihr letzter Kinodokumentarfilm «Forget Bagdad» – über irakische jüdische Kommunisten, die heute in Israel leben – ­datiert aus dem Jahr 2002. Kurz nach dem Kinostart begann Bushs Irak-Krieg. Wäre ich abergläubisch, würde ich sagen: Jedes Mal, wenn ich einen Film über mein Heimatland mache, bricht danach ein neuer Krieg aus. Nein, ernsthaft, ich hatte mit den Arbeiten an «Forget Bagdad» längst angefangen, als noch niemand ahnen konnte, dass die Amerikaner in den Irak einmarschieren würden. Und mit den Arbeiten zu «Iraqi Odyssey» habe ich vor zehn Jahren begonnen, zu jener Zeit, als man hoffte, dass dadurch, dass der Diktator gestürzt war, im Irak nun langsam doch eine Wende zum Besseren einsetzen könnte. Leider ist das Gegenteil eingetreten, dennoch verbreiten Sie in «Iraqi Odyssey» am Ende einen gewissen vorsichtigen Optimismus, was die nähere Zukunft des Irak betrifft. Ich setze meine Hoffnung auf die junge Generation, die ja nun schon mehr als zehn Jahre lang ohne das totalitäre Regime von Saddam Hussein lebt und die dank der neuen Technologien global vernetzt ist. Natürlich hat man nach Saddams Sturz gemeint, schlimmer als unter ihm könne es nicht mehr kommen. Dann kam Maliki. Er hat innert kürzester Zeit alle Hoffnungen zerstört und eine schiitische Diktatur errichtet. Doch seit September ist Maliki nicht mehr im Amt, mit Abadi hat der Irak wenigstens einen nicht ganz so kompromittierten neuen Staatschef. Dafür hält der IS seit Mitte 2014 Teile des Landes unter seiner Kontrolle ... Ja, das stimmt, aber man muss auch sehen, dass der IS nicht vom Himmel gefallen, sondern auch ein Ausdruck der Globalisierung ist, eine Folge der «Ausweitung der Kampfzone», wie es vor ein paar Jahren Michel Houellebeq formuliert hat. Auch der IS bedient sich der modernen Technologie und damit jener Instrumente, die die Zivilgesellschaft zur Verfügung stellt. Das Erstarken des IS hatte in vieler Hinsicht mit der verheerenden Politik von Maliki zu tun, die Eroberung von Mosul an Pfingsten 2014 war ein Weckruf für alle Irakis, selbst die korruptesten Politiker haben von da an gemerkt, dass nun etwas geschehen muss. Und seither sind doch einige Gebiete, die unter der Kontrolle des IS standen, zurückerobert worden, der IS befindet sich im Irak in der Defensive, und er wird, so wie sich die Lage derzeit präsentiert, weiter zurückgedrängt werden.

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