Zum Hauptinhalt springen

Holy Holly sucht ihr Lied

Jugendbücher erzählen noch und noch Liebesgeschichten. Nur wenige aber inszenieren die sexuelle Identitätsfindung auf so schmerzhafte, so bitterschöne und schonungslose Art wie die Amerikanerin Lauren Strasnick in ihrem Roman «Anders als sie».

Montagmorgen. An Hollys Schliessfach prangt in perfekter violetter Kalligrafie dieses Wort: Hure. Holly fühlt nichts dabei, keine Reue, keine Traurigkeit. Den Vormittag verbringt sie im «absoluten, stillvergnügten Zustand der Betäubung». Stimmt leise ein in den «Hure Holly»-Chorgesang der anderen, und dreht sich nicht um, als ein Papierball (oder ein Kaugummi) ihren Hinterkopf trifft. Sie hat sie verdient, diese Hetzjagd, das weiss sie, ist nicht Opfer, sondern Täterin. Denn sie hat mit Paul geschlafen, wieder und wieder und wieder. Mit Paul, der eine Freundin hat – die süsse Saskia, die auch Hollys Freundin geworden ist in den letzten Wochen. Holly hat trotzdem zu lange nicht aufhören können, zu gut fühlte er sich an, der Sex mit Paul. «Ich mag dein Gesicht. Ich mag deine Hände. Lass es uns tun, lass es uns tun, lass es uns tun», das hat sie schon beim ersten Mal gedacht, als Paul sie im Auto zum Strand von Malibu mitgenommen, sie auf dem Rücksitz ausgezogen hat. Und das hat sie nun davon. «War­um musstest du alles gegen die Wand fahren?», sagt selbst Nils, ihr bester Freund, der sich zwar selber munter mit wechselnden Freundinnen vergnügt, dem Holly aber mit ihrer Affäre das Herz gebrochen hat – und sie nun sitzen lässt. Genau wie Saskia.

Abschreckgeschichte?

Reduziert man Hollys intensive Leidensgeschichte in Lauren Strasnicks Jugendroman auf ihren Plot, könnte sie einer klassischen Abschreckgeschichte entsprungen sein: Die warnt seit Ende des 18. Jahrhunderts in der sozialisatorischen Mädchenliteratur vor gesellschaftlich unerwünschten weiblichen Lebensentwürfen. Doch wo die Heldin im klassischen Mädchenbuch durch die Schicksale fehlgeleiteter Nebenfiguren rechtzeitig zur Vernunft (und mit dem Schrecken davon-)kommt, bekommt Holly alles ab. Wirklich alles. «Schätze, ich habs nicht besser verdient», sagt sie zu Paul, als die Treffen mit ihm nach dem Motto «Husch, runter mit den Klamotten, Holly, ich schreib Montag ’ne Arbeit» abzulaufen beginnen. Als Leserinnen sind wir natürlich anderer Meinung: und wären somit bei Paul, der Hollys Trauer und Orientierungslosigkeit nach dem Krebstod ihrer Mutter ausnutzt, der lügt, betrügt und demütigt. Doch keine Abschreckgeschichte also?

Eher ein Problembuch emanzipatorischer Tradition, das Anklage erhebt gegen patriarchale Zumutungen? Als sich der Leidensdruck erhöht, dem Holly sich aussetzt, dem sie ausgesetzt wird, wird aber nicht nur Paul, nicht nur die in der Literatur ohnehin übel beleumdete Highschool, wird eine ganze Gesellschaft verdächtig, an der eine solche Menschenjagd möglich ist und niemand für Holly Partei ergreift, weil traditionelle Werte in Bezug auf weibliche Sexualität noch allzu verankert sind.

Die ganze Gefühlswelt

Und so ist «Anders als sie» viel mehr als eine Warngeschichte, viel mehr als ein Problembuch – und noch nicht mal in erster Linie gesellschaftskritisch. Erzählt wird die Geschichte einer komplexen Lebensphase; eine Entwicklungsgeschichte, die ihre Heldin weder auf eine Opfer- noch auf eine Täterinnenrolle reduziert, sondern ihre ganze Gefühlswelt auslotet, ihre Suche nach Liebe und Anerkennung nachzeichnet, ihre enorme Trauer spürbar macht und überdies ihr sexuelles Verlangen ernst nimmt und ohne Befangenheit beschreibt.

Holly ist ein wunderbares Mädchen, ist traurig, verwirrt, zuweilen naiv, aber auch energisch und kreativ. Sie ist dabei, ihren Weg im Leben und in der Liebe zu suchen, und beschäftigt sich dazu intensiv mit den Jugendliebesgeschichten ihrer Mutter – auf der Suche nach Identifikation und Orientierung, gewiss, aber auch, um zu entdecken, dass sie bei aller Ähnlichkeit mit der Verstorbenen eine unverwechselbare Persönlichkeit besitzt. «Du wirst sehr geliebt», sagt das Medium, das sie aufsucht, um mit ihrer Mutter in Kontakt zu treten. «Du musst jedoch mehr daran arbeiten, dich selbst zu lieben.»

Als Leserinnen brauchen wir keine Esoterik, um Holly zu lieben: eine Holly, die keine Hure ist und keine Heilige, auch wenn sie nachts im Zimmer leidenschaftlich zu Neil Diamonds «Holy Holly» tanzt, dem Lieblingssong ihrer Mutter, der auch Soundtrack von Hollys Leben ist – so lange zumindest, bis sie ihr eigenes Lied gefunden haben wird.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch