Winterthur

«Ich bekämpfe Straftaten, nicht Graffiti»

Stefan Wagner ist Graffiti-Experte bei der Stadtpolizei. Er kennt fast jedes Graffiti auf Stadtgebiet und sorgt dafür, dass Sprayer für die Sachbeschädigung belangt werden. Doch er sagt auch: «Ein schönes legales Graffiti ist genial.»

Obwohl als Graffiti-Jäger bekannt, hat Stefan Wagner, hier vor einem Graffito in der Badgasse, mit den Sprayern ein gutes Einvernehmen.

Obwohl als Graffiti-Jäger bekannt, hat Stefan Wagner, hier vor einem Graffito in der Badgasse, mit den Sprayern ein gutes Einvernehmen. Bild: Marc Dahinden

Spaziert man durch die Altstadt, fällt einem an jeder Ecke ein Graffiti auf. Stimmt der Eindruck, dass in Winterthur die Sprayer sehr aktiv sind?
Stefan Wagner: Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich nicht etwa Bäume oder Blumen, sondern vor allem Graffiti, denn tatsächlich gibt es auf Stadtgebiet viele Graffitis. Ich kenne nahezu jedes. In Winterthur tauchen fast täglich neue Sprayereien auf. Primär in der Altstadt, aber auch in Oberwinterthur gibt es Gruppen, die recht aktiv sind.

Dann gibt es eine richtige lokale Graffiti-Szene?
Es sind vor allem die jüngeren Sprayer, die in ihren eigenen Quartieren unterwegs sind. Die älteren Sprayer sind meist fast schon Profis. Sie sind eher schweiz- oder gar weltweit unterwegs. Winterthur ist keine Graffiti-Hochburg, die Stadt ist vergleichbar mit anderen Grossstädten.

«Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich nicht etwa Bäume oder Blumen, sondern vor allem Graffiti»

Wie gross ist die hiesige Szene?
Das ist schwierig zu sagen, es variert stark. Nicht immer sind alle, die der Szene angehören, auch aktiv. Es lässt sich aber sicher sagen, dass es in Winterthur viele gibt, die aus der Hip-Hop-Szene kommen und mit der Graffiti-Szene sympathisieren. Genaue Zahlen kann ich nicht nennen.

Wie kam es dazu, dass sie zum Graffiti-Experten wurden?
Das ergab sich aus dem Alltag . Ich übernahm in der Polizeiarbeit immer mehr Fälle und vertiefte so mein Wissen. Heute ist es zu einer wichtigen Nebenfunktion geworden.

Sie stammen aber nicht etwa selber aus der Szene?
Nein, ich hatte gar nicht mit diesem Thema am Hut. Ich bin da rein gerutscht und fand Gefallen daran.

«Viele Winterthurer Sprayer kommen aus der Hip-Hop-Szene»

Das heisst?
Graffitis faszinieren mich, wenn sie schön platziert wie beispielsweise legal an der Kronaustrasse. Das finde ich genial. Ich bekämpfe nicht Graffiti, sondern Straftaten. Für mich sind illegale Sprayereien eine Sachbeschädigung. Wenn es eine Anzeige gibt, sind wir verpflichtet, dem nachzugehen.

Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Sachbeschädigung?
Die Frage ist, wem der Untergrund gehört. Wenn die Fläche nicht zur Verfügung gestellt wurde, handelt es sich immer um Sachbeschädigung.

Sie werden regelmässig angefragt, bei Gerichtsverfahren auszusagen oder Gutachten zu Sprayereien zu erstellen, wenn Sprayer nicht geständig sind. Wie können Sie Graffitis ihren Urhebern zuordnen?
Da kann ich natürlich nicht ins Detail gehen. Aber ein grosser Teil ist Frontarbeit. Wir kennen die Burschen — und weil sie bekannt werden möchten, verwenden sie immer wieder ihre Unterschrift, auch Tag genannt, mit der sie ihr Territorium markieren.

«Wir versuchen die Täter früh in ihren Anfangszeiten zu erwischen, wenn sie noch örtlich eng begrenzt aktiv sind.»

Gibt es Erfolge der Stadtpolizei bei der Bekämpfung von Sprayereien?
Natürlich. Nehmen wir das Beispiel Oberwinterthur. Dort gab es zwei Gruppen, die in ihrem eigenen Gebiet recht aktiv waren. Das ist unsere Chance. Wir versuchen die Täter früh in ihren Anfangszeiten zu erwischen, wenn sie noch örtlich eng begrenzt aktiv sind. Das ist in Oberwinterthur gelungen. Das spricht sich dann rum und entsprechend wird es wieder etwas ruhiger. Die Prävention funktioniert so.

Es scheint, als ob dort, wo sich schon Graffitis befinden, eher neue dazu kommen.
Das ist tatsächlich so. Man spricht von der Broken-Window-Theorie. Darum putzt die Stadt städtische Flächen nach Sprayereien stets sofort wieder. Nehmen wir das Beispiel der neuen Unterführung am Hauptbahnhof. Wenn dort etwas versprayt wird, geht es nicht lange und man findet weitere Graffitis. Ist es dagegen sauber, geht es meist sehr lange, bis wieder gesprayt wird.

Sie raten also auch privaten Eigentümern, Schmierereien so schnell wie möglich wieder zu entfernen?
Ja. Natürlich gilt es zuerst die Polizei zu informieren, damit sie die Spurensicherung machen kann. Doch danach sollte man so schnell wie möglich putzen. Den Sprayern verleidet es irgendwann, wenn das Graffiti immer schnell wieder weg ist. Er hat so ein Risiko, aber keinen Erfolg.

«Es ist nachhaltig, wenn wir die jungen Sprayer verpflichten, ihre eigenen Graffiti wegzuputzen.»

Was kostet eine solche Reinigungsaktion?
Das hängst stark vom Untergrund ab. Einen Tag zu entfernen kostet 500 bis 1000 Franken — deutlich teurer wird es bei speziellen Untergründen, etwa bei Sandstein.

Wie hoch sind die Strafen für diese Art von Sachbeschädigung?
Angedroht wird Gefängnis oder Busse, die Untersuchungsbehörde gibt den Rahmen vor. Bei Jugendlichen unter 18 Jahren stehen Massnahmen im Vordergrund. Es spielen bei der Strafbemessung viele Faktoren mit, zum Beispiel auch, ob es sich um einen Wiederholungstäter handelt.

Spielt bei der Strafbemessung die Schadenhöhe eine Rolle?
Ab einem Schaden von 300 Franken spielt die Schadenhöhe keine Rolle mehr. Die Schadensache läuft über den Zivilweg. Das ist für die Geschädigten oft mühsam.

Wie viele Anzeigen wegen Sprayereien gehen denn pro Jahr etwa ein?
Im Jahr 2017 hatten wir rund 200 Anzeigen mit einem Gesamtschaden von 240 000 Franken. Gesprayt wurde sicher mehr, längst nicht jeder macht eine Anzeige. Wir schreiben aber Betroffene jeweils auch an. Unsere Aufklärungsquote liegt bei 40 Prozent.

«Legale Graffitis finde ich genial.»

Steigt die Zahl der Anzeigen ?
Nein, in den letzten Jahren lag sie immer etwa auf ähnlichen Niveau.

Kennen Sie die hiesigen Sprayer gut?
Ja, ich werde teilweise sogar eingeladen, wenn sie an einem legalen Graffiti arbeiten. Obwohl ich als Graffitijäger bekannt bin, hatte ich mit den Sprayern nie Probleme. Wir fanden einen guten Umgang miteinander, geprägt von einem gesunden Respekt. Mir ist es auch wichtig, die Sprayer nicht hängenzulassen. Ich habe zwar nie Anzeigen verhindert, aber ich habe jeweils versucht, gegenüber den Geschädigten zu vermitteln.

Inwiefern, vor alle junge Leute haben ja häufig kein Geld. Gehen sie dann putzen?
Ja, das läuft so. Die Stadt beispielsweise verpflichtet die Jugendlichen, die eigenen Sprayereien zu putzen. Das hat sich als nachhaltig erwiesen.

Was erwidern Sie, wenn jemand findet, Graffitis als Kunst müssten Platz haben im öffentlichen Raum?
Wer das findet, soll Fläche zur Verfügung stellen. Legale Graffitis finde ich genial. Aber es liegt an den Eigentümern, Flächen anzubieten und es läge an den Sprayern, nachzufragen, wo sie sprayen können. Aber das machen sie nicht so gern. Dann fehlt der Kick, die Spannung, ob man erwischt wird oder nicht.

Der Graffiti Experte kommentiert Winterthurer Sprayereien

(Der Landbote)

Erstellt: 06.04.2018, 15:11 Uhr

Zur Person

Stefan Wagner (52) arbeitet seit Anfang April 1990 bei der Stadtpolizei Winterthur. Spezialisiert auf Graffiti hat er sich ab 1998, als man die Schmierereien im öffentlichen Raum immer stärker als Problem wahrnahm.

In der Folge beschäftigte er sich vertieft mit dem Thema und wird seither als Graffiti-Experte regelmässig wieder aufgeboten, um bei Gerichtsverhandlungen gegen Sprayer auszusagen oder Gutachten zu erstellen.

Wagner trifft sich zudem regelmässig in der gesamtschweizerischen Arbeitsgruppe Graffiti mit anderen Polizeikräften zum Erfahrungsaustausch.

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