Hettlingen

«Ich bin ein Glückspilz»

«Die meisten Vergiftungen passieren mit Speisepilzen», sagt ­Katharina Schenk-Jäger, Pilzfachfrau aus Hettlingen. Das klingt im ersten Moment paradox. Doch die Oberärztin bei der ­Beratungsstelle Tox Info Suisse weiss, wovon sie spricht.

Ausbeute nach einem Morgenspaziergang in Hettlingen und Umgebung: Ärztin und Pilzfachfrau Katharina Schenk präsentiert in ihrem Garten sowohl Speise- als auch Giftpilze.

Ausbeute nach einem Morgenspaziergang in Hettlingen und Umgebung: Ärztin und Pilzfachfrau Katharina Schenk präsentiert in ihrem Garten sowohl Speise- als auch Giftpilze. Bild: Madeleine Schoder

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Katharina Schenk erinnert sich gut an jene unfreiwillig durchwachte Nacht – auch wenn sie schon viele Jahre zurückliegt. Vor allem die heftigen Bauchschmerzen sind ihr noch sehr präsent. «Es waren klassische Vergiftungssymptome», sagt die 47-jährige Pilzfachfrau und Mutter von drei Kindern in ihrem Heim in Hettlingen. Die Schmerzen rührten jedoch nicht etwa daher, weil sie Giftpilze gegessen hatte. Es war ein Speisepilz, der ihr zu schaffen machte. «Die ominöse Eierschwämmlisuppe sorgte bei mir damals für anhaltende Magen-Darm-Beschwerden.» Doch wie ist das möglich?

Schenk zitiert den Schweizer Arzt und Mystiker Paracelsus: «Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift ist.» Mit anderen Worten: «Ich hatte schlicht zu viel von der Eierschwämmlisuppe gegessen und zu grosse Stücke», sagt die diplomierte Pilzkontrolleurin Schenk lächelnd.

«Eigentlich wollte ich ja Hausärztin werden.»Katharina Schenk

Sie ist kein Einzelfall. Eine aktuelle Studie der nationalen Beratungsstelle bei Vergiftungen, Tox Info Suisse (Tel. 145), hat festgestellt, dass bei Erwachsenen am häufigsten Beschwerden nach dem Konsum von Speisepilzen auftreten. «Denn entweder sind die Speisepilze bereits vor dem Verzehr verdorben oder sie werden falsch zubereitet», weiss Schenk, die heute als Oberärztin mit Spezialgebiet Pilzvergiftungen bei Tox Info Suisse arbeitet.

«Eigentlich wollte ich ja Hausärztin werden», sagt Schenk, die ihre Kindheit und Jugendzeit am Zürich- und Bodensee verbracht hat. Doch ihr Weg nahm eine ganz andere Richtung. Zuerst nur in örtlicher Hinsicht. Nach der Jahrtausendwende zog Schenk mit ihrem Mann in die Region Winterthur. Grund: «Ich erhielt vom Kantonsspital Winterthur die Zusage, in der Abteilung Chirurgie eine Assistenzstelle antreten zu können.» Anfangs wohnte sie mit ihrer Familie in Neftenbach. Seit 2003 ist sie in Hettlingen zu Hause. «Hier gefällt es uns sehr, hier wollen wir alt werden», sagt Schenk.

Nach beruflichen Abstechern in die Psychiatrische Klinik Hard in Embrach und in die Gynäkologie/Geburtshilfe in Schaffhausen kam ihr 2006, einige Monate nach der Geburt des dritten Kindes, das Stellenangebot von Tox Info Suisse sehr gelegen. «Denn mein drittes Kind war ein anstrengendes Baby», sagt Schenk. «Nach ein paar Monaten war der Stress so gross, dass ich deshalb erleichtert war, zumindest zeitweise etwas Abstand von zu Hause nehmen zu können.»

«Hier gefällt es uns sehr, hier wollen wir alt werden.»

Als die Ärztin die neue Stelle bei Tox Info Suisse antrat, war sie von Anfang an in der Telefonberatung tätig. Sie habe schnell gespürt, dass ihr dieser direkte Kontakt mit Menschen in einer Notlage sehr zusage, erzählt Schenk. «Menschen helfen zu können, tut immer gut. Vor allem dann, wenn sie sich in einer Ausnahmesituation befinden und ich ihnen klar sagen kann, welche konkreten Schritte sie nach einer Vergiftung nun unternehmen müssen.»

Ihre Liebe zu den Pilzen entdeckte Schenk relativ spät. «Zuerst habe ich die Pilze lediglich fotografiert.» Als man jedoch beim Tox sagte, dass es gut wäre, noch einen Pilzspezialisten zu haben, fühlte sie sich schnell angesprochen – und herausgefordert. «Ich wollte von da an unbedingt mehr über die Pilze erfahren.» Auskunft und Schulung zugleich erhielt sie von der bekannten Winterthurer Pilzfachfrau Anita Wehrli. «Sie nahm sich viel Zeit für mich, hatte eine Engelsgeduld», erinnert sich Schenk.

«Das Suchen und Finden hat etwas Archaisches, das entspricht mir sehr.»

Heute könne sie sich ein Leben ohne Pilze kaum mehr vorstellen. Sie sei gerne in der Natur, um etwas Essbares zu suchen, sagt Schenk und schaut zufrieden auf ihren Korb voller frisch gesammelter Pilze. «Das Suchen und Finden hat etwas Archaisches, das entspricht mir sehr.»

Sie ist zudem weit davon entfernt, den hochgiftigen Knollenblätterpilz zu verteufeln. «Auch dieser Pilz hat seinen Platz im Kreislauf der Natur», sagt Schenk bestimmt und kennt auch in Hettlingen und Umgebung Orte, an denen er wächst. «Der Knollenblätterpilz kommt noch ziemlich häufig vor und dient zum Beispiel als Nahrung von Schnecken. Diesen kann das Gift des Pilzes nichts anhaben, weil sie keine Leber wie wir Menschen besitzen.»

Wenn Schenk zurückblickt, empfindet sie eine grosse Dankbarkeit. «Ich fühle mich privilegiert», sagt die Ärztin und Pilzfachfrau. «Denn ich habe eine wunderbare Familie und bin per Zufall zu einem Beruf gekommen, der zur Berufung wurde. Ja, ich bin ein Glückspilz.»

(Der Landbote)

Erstellt: 04.11.2018, 17:49 Uhr

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