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«Ich habe bei jedem Wettkampf etwa zehn Prozent meines Körpergewichts verloren»

Denken koste sehr viel Energie, sagt der frühere Schachweltmeister Anatoli Karpow, der heute lieber den Nachwuchs spielen lässt. Vom Weltschachbund hat er keine hohe Meinung.

Als Anatoli Karpow um 18 Uhr im Berner Kultur-Casino eintrifft, sieht man ihm den Langstreckenflug von Peking nicht an. Zwei Stunden hatte sich der 63-Jährige im Hotel ausgeruht, um für das Interview und das anschliessende Simultanschach bereit zu sein. Karpow lässt sich den Saal zeigen, in dem er gegen 20 Spieler gleichzeitig antreten wird, und bestellt Getränke für den Wettkampf: Orangensaft nach einer Stunde Spieldauer, Kaffee nach zwei Stunden. Dann nimmt er im Interviewraum Platz. Sie haben in 32 Ländern Schachschulen gegründet. Wie schwierig ist es in Zeiten von Computer und Internet, Kinder für das Schachspiel zu begeistern? Anatoli Karpow: Natürlich haben Kinder heutzutage mehr Aktivitäten zur Auswahl. Es gibt aber immer noch viele Kinder, die gerne Schach spielen. Und der Computer gibt auch uns mehr Möglichkeiten, um den Kindern das Schachspiel beizubringen. Es sind gute Zeiten fürs Schach. Warum wollen Sie Kindern Schach beibringen? Weil ich glaube, dass Schach viele Fähigkeiten fördert, die in den anderen Schulfächern schwieriger zu vermitteln sind. Das Gedächtnis und das strategische Denken werden spielerisch trainiert. Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen und deren Konsequenzen zu tragen. Das nützt einem auch im Alltag.

Sie haben 1955 im Alter von vier Jahren angefangen, Schach zu spielen. Weshalb?

Mein Vater war ein grosser Schachfan. Ich sah jeweils zu, wenn er mit seinen Freunden bei uns zu Hause spielte. Das weckte mein Interesse. Deshalb fing auch ich an zu spielen – und war sofort begeistert.

In welchem Alter haben Sie realisiert, dass Sie zu einem Weltklassespieler werden könnten?

Es war zwar klar, dass ich Talent hatte. In meiner jeweiligen Alterskategorie war ich immer der Beste. Aber selbst als damals jüngster Grossmeister aller Zeiten war ich mir nicht sicher, ob ich Weltmeister werden könnte. 1975 war es dann so weit. Nach Siegen gegen den früheren Weltmeister Boris Spasski und Wiktor Kortschnoi hatte sich Karpow das Recht erspielt, den amtierenden Weltmeister Bobby Fischer herauszufordern. Doch Fischer trat nicht an, Karpow wurde kampflos Weltmeister. Zweimal verteidigte er seinen Titel gegen Kortschnoi, wobei vor allem der erste Weltmeisterschaftskampf 1978 in Baguio auf den Philippinen physisch und psychisch extrem kräfteraubend war. Karpow lag nach 27 Partien mit fünf zu zwei Siegen vorne. Doch Kortschnoi schaffte den Ausgleich. Erst danach gelang Karpow der entscheidende sechste Sieg.

Der Weltmeisterschaftskampf 1978 zwischen Ihnen und Kortschnoi war ein Nervenkrieg. Stimmt es, dass Sie in diesen drei Monaten mehrere Kilos abgenommen haben?

Ich habe bei jedem Wettkampf etwa zehn Prozent meines Körpergewichts verloren. Das war eine ernste Sache, weil ich kein Schwergewicht war. 1978 wog ich zu Beginn 50 Kilo, danach noch gut 45 Kilo.

Wie kann man vor dem Schachbrett sitzend Gewicht verlieren?

Denken kostet sehr viel Energie.

Wie wichtig ist psychische Stärke?

Das ist die Hauptsache. Wenn man von den eigenen Fähigkeiten nicht voll und ganz überzeugt ist, kann man nicht gewinnen.

Von Ihnen stammt der Satz: «Um einen Wettkampf zu gewinnen, muss man zuerst sich selbst bezwingen.» Wie meinen Sie das?

Bei jedem Wettkampf stellt sich die Frage, ob man stark genug dafür ist. Es geht darum, Charakter und Persönlichkeit so weit zu entwickeln, dass man in einem Weltmeisterschaftskampf bestehen kann.

Und wie macht man das?

Das ist individuell. Es gibt dafür keine allgemein gültige Regel. Was für mich wichtig ist, kann für andere unbedeutend sein. Der zweite Weltmeisterschaftskampf gegen Kortschnoi 1981 ging als «Massaker von Meran» in die Geschichte ein, weil Karpow derart überlegen gewann. 1984 folgte der erste Titelkampf gegen Garri Kasparow. Nach 48 Partien innert fünf Monaten wurde das Duell beim Stand von fünf zu drei Siegen für Karpow durch den Präsidenten des Weltschachbundes Fide abgebrochen – mit Verweis auf die Gesundheit der Spieler. Die folgenden vier Weltmeisterschaftskämpfe gewann Kasparow. Weil dieser sich aber von der Fide lossagte, wurde Karpow 1993 erneut Weltmeister und verteidigte den Titel bis 1998.

Wie wichtig ist Talent im Vergleich zu harter Arbeit und jahrelangem Training?

Sicher ist, dass man ohne Talent nicht Weltmeister werden kann. Aber Talent allein reicht nicht. Es braucht auch harte Arbeit. Ich habe viel gespielt, an Turnieren oder mit meinen Freunden. Danach haben wir die Partien analysiert und versucht, die Fehler zu verstehen. Für mich war es wahrscheinlich das Beste, dass ich erst kurz vor der Norm des internationalen Meisters erstmals einen Trainer bekam.

War die Erfindung des Schachcomputers gut für das Spiel?

Ich glaube, er hat der Qualität des Spiels geschadet. Wegen des Computers wurden die Hängepartien abgeschafft. Zu meiner Zeit musste ein Grossmeister viel mehr über das Endspiel wissen als heute. Heutige Spieler wissen dafür mehr über Eröffnungen.

Magnus Carlsen ist der erste Weltmeister, der mit Schachcomputern aufgewachsen ist. Sieht man das seinem Spiel an?

Nein. Dazu muss man aber sagen, dass sein Vater ein starker Schachspieler war. Zudem hat er im norwegischen Grossmeister Simen Agdestein einen hervorragenden Trainer. Agdestein ist übrigens der wohl einzige Schachspieler weltweit, der zugleich in der Schach- und in der Fussballnationalmannschaft spielte.

Carlsen soll ähnlich spielen wie Sie. Inwiefern?

Er ist wie ich sehr gut bei einfachen Stellungen, was übrigens gar nicht einfach ist. Sein Wissen über Eröffnungen ist wie das meinige nicht allzu gross. Und er hat wie ich keine Angst, neue Positionen auszuprobieren. Anders Garri Kasparow, der jede erdenkliche Variante vorher zu Hause durchanalysiert hat – und darin auch sehr gut war.

Carlsen ist 23-jährig. Welches ist das beste Schachalter?

Heute liegt es ein bisschen tiefer als zu meiner Zeit. Damals galt ein Alter zwischen 20 und 35 Jahren als ideal. Heute ist das beste Schachalter wohl zwischen 18 und 30 Jahren. Auch beim Schachspiel mache sich das Alter bemerkbar, sagt Karpow. Das Nervensystem sei weniger stark, und man habe nicht mehr so viel Energie wie jüngere Spieler. Um regelmässig zu spielen, fehle ihm heute die Zeit. Letzte Weihnacht sei er aber gerne gegen seinen «ewigen» Gegner Jan Timman angetreten, der ebenfalls 63-jährig sei und noch immer Turniere spiele. Zur Überraschung der Leute habe er gewonnen. Dies sei der 175.Wettkampfsieg seiner Schachkarriere gewesen. «Das ist Rekord, vermutlich für die Ewigkeit», sagt der erkennbar stolze Karpow. Längst hat er seine anfängliche Zurückhaltung im Gespräch abgelegt. Gern spricht er etwa von seinen Briefmarkenausstellungen. So hat der begeisterte Philatelist an der Schacholympiade in Tromsö Anfang August alle weltweit je herausgegebenen Briefmarken mit Schachmotiven präsentiert. Zugleich wurde in Tromsö der Präsident des Weltschachbundes Fide, Kirsan Iljumschinow, wiedergewählt. Karpow, der 2010 erfolglos gegen Iljumschinow angetreten war, hält wenig vom Fide. Dieser habe viele Fehler gemacht und sei mitverantwortlich dafür, dass Schach viel von seiner früheren Bedeutung eingebüsst habe.

Bei der Wiederwahl von Fide-Präsident Iljumschinow sollen Stimmen gekauft worden sein...

Wie üblich! Als ich vor vier Jahren Kandidat war, konnte ich davon ausgehen, dass die zwölf arabischen Länder, in denen ich Schachschulen gegründet hatte, für mich stimmen würden. Doch im letzten Moment haben sie sich auf die andere Seite geschlagen.

Was sollte der Fide Ihrer Meinung nach gegen den Bedeutungsverlust des Schachs tun?

Erstens sollte der Fide mehr Schachförderprogramme an Schulen initiieren. Zweitens sollte er Schachspieler ausbilden, die Schach dem Fernsehpublikum näherbringen können. Denn um die Faszination des Spiels vermitteln zu können, muss man es verstehen. Schliesslich sollte der Fide die Möglichkeiten des Internets besser nutzen, auch finanziell. Es gibt 400 Millionen Schachspieler weltweit. Für grosse Firmen ist das ein attraktiver Werbemarkt. Die Einnahmen aus Sponsoringverträgen könnte der Fide in die Weiterentwicklung des Schachs investieren. Als Karpow zum Simultanschach antritt, wird er mit viel Applaus empfangen. In einer Rede lobt er die reiche Schachtradition der Schweiz und die Verdienste des Schweizer Schachbundes (SSB), der zweimal Gastgeber der Schacholympiade war und dieses Jahr sein 125-Jahr-Jubiläum feiert. Dann schaltet Karpow, der vom SSB und vom Berner Organisationskomitee der Schweizer Schachmeisterschaften eingeladen worden war, auf Spielmodus. Jedem seiner 20 Gegner schüttelt er kurz die Hand, bevor er die Partie eröffnet. Runde um Runde geht er im Gegenuhrzeigersinn von Brett zu Brett. Bevor er zieht, spielen die Finger seiner Rechten gerne mit den gewonnenen Figuren. Karpow wirkt völlig in die Schachpartien vertieft. Selbst als er nach zwei Stunden den bestellten Kaffee trinkt, scheint er nur an den nächsten Zug zu denken. Man kann noch immer erahnen, zu welch enormer Konzentrationsleistung er während seiner Weltmeisterschaftskämpfe imstande war. Karpow gewinnt an diesem Abend 18 Partien und spielt zweimal Remis.

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