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«Ich hätte mir nie vorstellen können, in einem Land zu leben, wo Krieg herrscht»

Am Sonntag spielt die ukrainische Hudaki Village Band in Rorbas. Jürgen Kräftner erzählt, was ihn nach Transkarpatien verschlagen hat und warum er als Pazifist auf dem Majdan präsent war.

Sie fallen mit neun Musikern aus der Westukraine ins stille Embrachertal ein. Wie kommt das?Jürgen Kräftner: Wir spielen auf Einladung von Kultur Rorboz. Daniel Honegger und Hugo Faas haben uns auf dem Strassenmusikfestival in Luzern gesehen und engagiert.Ihre Musik vereint Balkan- und Klezmerelemente, sie klingt stellenweise vertraut, dann wieder fremd.Was wir machen, ist authentisch. Es ist die überlieferte Musik der ukrainischen Karpaten, die von Rumänen, Slawen, Wallachen, Roma und vielen anderen beeinflusst ist. Die Region war 500 Jahre ungarisch, die jüdische Kultur schlägt sich in der traditionellen Kleidung der Musikanten nieder. Das Gebiet, das so lange unter Fremdherrschaft stand, ist sehr arm. Auf dem Land gab es nur wenige Instrumente. Die Hudaki Village Band besteht seit 13 Jahren aus Hochzeitsmusikern und «gelernten» Musikern, die die Autodidakten unterstützen. Bei uns in der Gruppe singen alle, aber zwei Frauenstimmen stehen im Mittelpunkt. Was hat Sie nach Nischnje Selischtsche verschlagen?Ich komme aus Wien und habe hier eine Niederlassung der Genossenschaftsbewegung Longo Maï mit aufgebaut. Wir machen Kinder- und Jugendarbeit mit den Einheimischen, führen eine Käserei und wollen demnächst eine Mosterei betreiben.Worin sehen Sie Ihre Aufgabe an diesem Ort?Viele Menschen verlassen das Land für Saisonarbeit oder emigrieren nach Russland. Das vermittelt dem Einzelnen ein Gefühl von Freiheit, häufig bleiben aber die Kinder bei den Grosseltern zurück. Dabei hat Transkarpatien eine eigene Identität, die auf einer starken Verbundenheit zur Heimat und zur Natur fusst. Jede Familie hat eine eigene kleine Landwirtschaft. Die sozialen Strukturen sind fast mittelalterlich, mit einer starken Kirche und einer klaren Männer- und Frauenrollenverteilung. Die abgegrenzten Rollen geben dem Einzelnen Sicherheit, lassen jedoch wenig Handlungsspielraum zu. In unserer Jugendtheaterarbeit setzen wir hier an und improvisieren alternatives Rollenverhalten.Auf einem Video sieht man die Band in Kiew gegen bewaffnete Polizisten anspielen.In einer frühen Phase der De­monstrationen auf dem Majdan lud uns ein befreundeter Regisseur ein, ein Protestkonzert zu geben. Ich hatte Zweifel, ob Musik zu dieser gewaltgeladenen Stimmung passen würde, aber es ist sehr gut herausgekommen. Man sieht die jungen Soldaten, die auf dem Platz postiert wurden, mit Schildern, Schlagstöcken und stählernen Gesichtern. Dagegen unsere sinnliche, manchmal wilde Musik. Damals waren die Fronten noch nicht so verhärtet, zwei bis drei Wochen später wäre das wohl nicht mehr möglich gewesen. Auch wenn man in der Schweiz die Texte nicht versteht: Was ist Ihre Botschaft?Die Lieder, die ich etwas erklären werde, handeln von heftigen Lebenssi­tua­tio­nen, Liebe und Tod. Das wird aber mit einem Schuss Humor verpackt. Die übergeordnete Botschaft unserer Band kann auch auf die aktuellen Ereignisse bezogen werden. Als absoluter Pazifist hätte ich mir nie vorstellen können, in einem Land zu leben, in dem Krieg herrscht. Was in der Ukraine passiert, ist schicksalhaft. Das gibt Europa, und da zähle ich die Schweiz mit, einen neuen Sinn. Viele haben auf dem Majdan und in Donezk ihr Leben gelassen, um in einem Land zu leben, in dem demokratische Regeln gelten. Man vergisst das sehr schnell wieder. Doch die Si­tua­tion kann eher als gedacht vor der eigenen Haustür stehen. Hudaki Village Band Sonntag, 30. November, Café Rorboz, Kirchgasse 7, Rorbas. Konzert: 19 Uhr. Tür & Buffet:ab 17 Uhr. Eintritt: Fr. 25.–/20.–.www.kultur-rorboz.ch

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