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«Ich male von Vollmond bis Vollmond»

Bis 24. März arbeitet der Winterthurer Maler Urs Amann im Atelier Sidi, um dort sein Werk «AMOKOMA» zu vollenden. Bei einer Tasse Kaffee erzählt er, war­um er lieber malt als redet.

Im Sidi-Areal, wo heute eine moderne Wohnüberbauung steht, befand sich früher die Seidenstoffweberei Winterthur. Die Fabrik wurde 1970 stillgelegt und die Bauten 2006 abgerissen. Nur das denkmalgeschützte Kesselhaus samt Kamin blieb erhalten. Heute beherbergt es das Atelier Sidi, eine von Käther Bänziger betriebene Leihgalerie. Ihr Vater, Eugen Bänziger (1937–2002), bezog in den Siebzigerjahren das alte Kesselhaus und nutzte es von da an während dreier Jahrzehnte als Atelier. Mit der Ausstellung «Das Atelier im Atelier» greift Urs Amann (* 1951) die Tradition des Hauses wieder auf. Der Winterthurer Maler, der sonst gerne daheim in den eigenen vier Wänden malt, ist seit 1. März täglich von 14 bis 20 Uhr im Atelier Sidi anzutreffen, um an seinem 2001 begonnenen Opus magnum «AMOKOMA» zu arbeiten und Bilder aus 40 Jahren Malerei zu zeigen.

Herr Amann, auf welchem Weg sind Sie Künstler geworden?

Urs Amann: Ich bin in Oberwinterthur aufgewachsen und habe wie mein Grossvater und mein Vater eine vierjährige Schriftsetzerlehre gemacht. Bereits als ich in der Sekundarschule war, wollte ich Künstler werden. Während des Unterrichts schaute ich aus dem Fenster und betrachtete die Bäume und die Vögel.

Was haben die Vögel mit der Kunst zu tun?

Die Vögel mussten keine Formeln oder Französisch lernen und flogen, wohin es sie trieb, und die Bäume konnten einfach nur da sein. Ich wollte auch so frei sein.

Und wann schufen Sie Ihr erstes Kunstwerk?

1971 ar­bei­te­te ich ein halbes Jahr in einem grafischen Büro in Berlin. Ich fühlte mich in der grossen Stadt einsam und schuf dort meine ersten Bilder. Das allererste Bild malte ich in Acryl. Ich fand, dass die Farbe zu schnell trocknete und nicht besonders gut roch, weshalb ich schnell zu Öl wechselte.

Was stellte das erste Gemälde dar?

Es handelte sich um ein Selbstporträt, das mir erstaunlich ähnlich sah (schmunzelt) – der Kopf im Himmel und mit einem Faden an die Erde gebunden. Dem wollte ich in weiteren Bildern nachspüren.

Haben Sie sich die Ölmalerei selber beigebracht?

1972 habe ich die F+F in Zürich (Form-+-Farbe-Kunstschule) besucht, die damals noch im Drahtschmidli untergebracht war. Dort haben sie mir ein Zimmer unter dem Dach als Atelier zur Verfügung gestellt. Ölmalerei war Anfang der Siebzigerjahre nicht gerade angesagt. Es liess sich an dieser Schule dafür auch kein Lehrer finden. Nach einem halben Jahr riet mir die Schulleitung, zu Hause weiterzumalen, was ich denn auch tat und noch immer tue.

Und konnten Sie schon damals von der Malerei leben?

Für ein halbes Jahr war ich an einer Alternativschule als Kreativlehrer tätig und danach ar­bei­te­te ich kurz als Korrektor für den «Landboten». Da ich aber immer wieder mal daheim blieb, um zu malen, kündigte man mir. Glücklicherweise erhielt ich damals vom Kanton ein Kunststipendium. Zudem wurden meine fast ersten Bilder für Schallplattencover verwendet. Ein Bekannter vom «Tagi» hatte mich an den Komponisten Klaus Schulze vermittelt. Für seine sphärische Synthesizermusik gestaltete ich von 1972 bis 1975 fünf Cover, was meinen Künstlerweg wunderbar legalisierte. 1975 verreiste ich nach Kreta, um ganz neu anzufangen.

Kannten Sie die Musik von Schulze schon vorher ?

Interessanterweise hatte ich seine Musik schon oft zum Malen gehört, bevor ich den Auftrag des Plattenverlags erhielt.

Wie lange waren Sie in Kreta?

Rund zwei Jahre mit Unterbrüchen. Ich hatte immer wieder Heimweh und stellte auch zwischendurch in Winterthur und Zürich aus. In Kreta lernte ich eine Österreicherin kennen. Bald gab es Nachwuchs. Wir heirateten und zogen nach Wien, wo ich bis 1985 lebte. Danach kehrte ich mit meinem Sohn in die Schweiz zurück und war alleinerziehender Vater.

War Ihnen der Maler Ernst Fuchs und die Wiener Schule des Phantastischen Realismus ein Begriff, als Sie nach Wien zogen?

Eigentlich nicht. Ich wusste damals noch nicht, dass es dort eine mit meiner Malerei vergleichbare Kunstrichtung gab, und war vom handwerklichen Können z. B. eines Rudolf Hausner beeindruckt. Ich fühlte mich daheim.

Sie waren also ab 1985 gleichzeitig freischaffender Künstler und alleinerziehender Vater?

Ja. Ich lebte zurückgezogen. Wenn mein Sohn zur Schule musste, machte ich mich ans Malen. Damals wurde es mir zur Gewohnheit, frühmorgens an die Arbeit zu gehen.

Soweit ich mich erinnere, lebten Sie auch eine Zeit lang in Ascona .

Ja. Mein Sohn war in eine WG gezogen, und Rückenprobleme zwangen mich an einen Ort mit kürzeren Wegen, nach Ascona, wo ich fünf Jahre blieb. Dort habe ich mein Buch «Der Privatmönch» gemacht, mit meinen wichtigsten Bildern und Texten zu Kunst und Leben. Und noch ein zweites mit Van-Gogh-Übermalungen.

Wie beginnen Sie ein Bild?

Ganz am Anfang machte ich noch Skizzen, aber bald fand ich es interessanter, direkt auf die Leinwand zu malen. Ich lasse mich treiben, dichte und verdichte.

Wie lange arbeiten Sie an einem Bild?

Ich sage immer von Vollmond bis Vollmond. Eigentlich hasse ich ja meine geliebte Malerei immer wieder, weil sie mich durch die aufwendige Technik wie in Einzelhaft hält. Aber mir fällt auch nichts anderes ein, als zu malen. Also male ich jeden Tag.

Haben Sie jeweils mehrere Bilder in Arbeit?

Ich wohne in einer günstigen Vierzimmerwohnung. Drei Zimmer sind zum Malen da. In jedem Zimmer steht mehr als eine Staffelei, wobei ich auch gerne am Boden male.

Haben Sie Eugen Bänziger gekannt?

Ja, wir haben zusammen Musik gemacht. Er spielte Klarinette; ich Gitarre. Und wir haben hier Feste gefeiert.

Worum geht es im Bild «AMOKOMA»?

Um die Beziehung Mann/Frau und das Kind, das aus der Verbindung entsteht. Ich arbeite seit zehn Jahren an dem Bild; es gibt noch ein paar ungelöste Ecken …

In Ihren imaginären Bildern geht es um geistige Inhalte. Gibt es esoterische Literatur, die Sie beeinflusst hat?

Vielleicht die uralten indischen Upani­shaden. Aber was in Büchern steht, habe ich auch selbst herausgefunden. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass der Mensch mehr als nur Fleisch und Knochen ist, und versuche, das auch darzustellen.

War­um malen Sie?

Ich finde das innere Zwiegespräch und die Einsichten beim Malen meistens interessanter, als mit den Leuten zu reden. Die Malerei bietet mir tausend Möglichkeiten, etwas darzustellen, was man nicht fotografieren kann.

Gibt es Leute, die Ihre Bilder unheimlich finden?

Das bekomme ich oft zu hören, dabei male ich das reine Licht- und Geistwesen, aber natürlich mit aller weltlichen Bedrängnis drum herum. Ich male den Menschen im Zwischenzustand zwischen Leben und Tod. Ich verbinde in meinen Bildern Jenseits und Diesseits als zwei Aspekte des menschlichen Daseins. Alles passiert auf einer Leinwand.

Beruhen Ihre Bilder auf Träumen oder Visionen?

Nein. Die Bilder fallen mir beim Malen ein und verändern sich in einem Fluss bis zu einem mir wichtigen Thema, das dann bleibt. Persönliche Erfahrungen fliessen mit ein, doch versuche ich diese zu objektivieren. Die Intuition spielt gewiss eine wichtige Rolle.

Gibt es noch etwas, das Sie in Ihrer Karriere als Künstler anstreben wie z. B. eine Museumsausstellung?

Früher vielleicht. Heute bin ich froh, einfach Ruhe zum Schaffen zu haben. Ich mische mich nicht gross in die Kunstszene und warte mal ab.

Haben Sie auch schon daran gedacht, Ihre Bilder in einer Kirche auszustellen?

Nein, aber ich könnte mir dies gut vorstellen.

Ausstellung «Das Atelier im Atelier»

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