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«Ich möchte eine Chance»

In der Papiermanufaktur sind die Beschäftigten mit einem realistischen Arbeitsumfeld konfrontiert. Fachpersonen begleiten sie dabei.

Der junge Mann wirkt ganz zufrieden, während er einen Papierrest nach dem anderen in den Schredder schiebt, eine eher eintönige Arbeit. «Es macht sogar Spass», sagt er. Seit zwei Wochen verbringt der 18-Jährige seine Tage an der Palmstrasse im Projekt Spektrum. Er hat eine Koch­lehre absolviert, die praktische Prüfung hat er bestanden, bei der theoretischen ist er durchgefallen. Nun sucht er mit Unterstützung der Fachleute eine Stelle. «Es sieht gut aus für ihn, wahrscheinlich wird er uns ganz schnell wieder verlassen», sagt Renato Marcucci, der im Projekt Spektrum für den Bereich Bildung zuständig ist. Für Repetenten sei es nicht leicht. Der junge Mann wird zu hundert Prozent in einem Betrieb als Koch arbeiten und an seinem freien Tag die Berufsschule besuchen, um dann in einem Jahr die theoretische Prüfung zu wiederholen. Die jungen Erwachsenen haben an drei halben Tagen Schule mit Fächern wie Mathe, Deutsch und Allgemeinbildung, an zwei halben Tagen schreiben sie unter Anleitung Bewerbungen. An den restlichen fünf Halbtagen arbeiten sie in der Papiermanufaktur. In der Werkstatt wird unter anderem handgeschöpftes Papier hergestellt, aus dem die verschiedensten Produkte gemacht werden, die im Shop an der Palmstrasse oder online verkauft werden. Dazu kommen Aufträge wie Bibliotheksbücher mit Folie überziehen oder Drucksachen in Umschläge verpacken und versenden. Während der junge Mann ­heute allein an seiner Maschine arbeitet, sitzt in einem anderen Teil der Werkstatt eine Gruppe an der Papierproduktion. Jeder der vier hat eine Schale mit eingeweichten Papierschnitzeln vor sich, die mit beiden Händen sorgfältig durchgeknetet werden. «Wir müssen so lange kneten, bis es keine Knubbel mehr hat», sagt eine aufgeweckte junge Frau, die augenscheinlich für den Nachmittag die Aufgabe einer Vorarbeiterin übernommen hat. «Sie ist sehr verantwortungsbewusst», sagt Marcucci. Völlig unverständlich Die Floristin mit abgeschlossener Lehre ist seit April bei «Spektrum» dabei. 120 Bewerbungen habe sie in dieser Zeit geschrieben, nur einmal wurde sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen: «Das ist für mich völlig unverständlich», so Marcucci. Das Problem sei, dass es wenig bis keine Stellen in diesem Bereich gebe. Deshalb bewirbt sich die 23-Jährige im Detailhandel. «Eine Stelle in einem Geschenk­lädeli oder einer Papeterie wäre mein Traum», sagt sie: «Ich möchte doch nur, dass mir jemand eine Chance gibt.» Anders sieht es bei der 56-jährigen Frau aus, die momentan in der Versandabteilung beschäftigt ist. Schon seit zwei Jahren ist sie im Teillohn angestellt. Dass sie früher einmal bei der Post war, kommt ihr hier zugute: «Ich sehe sofort, wenn die Postleitzahl nicht richtig ist», sagt sie voller Berufsstolz, während sie mit flinken Händen Rechnungen faltet und in Briefumschläge verpackt. Gemeinsame Ziele setzen An ihrer Seite arbeiten heute Nachmittag zwei Männer und eine Frau. Sie alle sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier. «Viele werden von der Schweizerischen Versicherungsanstalt geschickt», sagt Marcucci. In der Aufbauphase nach einer Krankheit oder einem Unfall werden sie langsam an einen Arbeitsalltag herangeführt. «Wir testen, wie belastbar die Leute sind und ob sie irgendwann wieder in ihren Beruf zurückkehren können.» Eine andere Klientel kommt vom Sozialamt. Dabei geht es vor allem darum, ihnen eine Tagesstruktur zu geben. Jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit zu erscheinen und einen Tag lang durchzuhalten, ist etwas, das man mit der Zeit verlernt, wenn man keine Arbeit hat. «Wir versuchen dabei, sie nach ihren Möglichkeiten zu fördern, und vereinbaren gemeinsame Ziele», sagt Marcucci. Diese können relativ klein sein. So sei es schon ein Fortschritt, wenn jemand, der viermal die Woche zu spät zur Arbeit kommt, an zwei Tagen pünktlich zur Ar­beit erscheint. http://shop.arbeitsintegration.­winterthur.ch

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