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«Ich überbringe keine Botschaften»

Sie lässt gern ihre Fantasie spielen. Diese brachte sie auch auf den Hund: Am Sonntag liest Elke Heidenreich im Casino ihre Geschichte «Nurejews Hund».

War­um haben Sie ausgerechnet über den Hund von einem der bekanntesten Balletttänzer der Welt geschrieben?

Elke Heidenreich: Die Nurejew-Geschichte entstand dadurch, dass ich fünf oder sechs Jahre nach Nurejews Tod in der Zeitung gelesen habe, dass dessen Hund gestorben sei. Das fand ich eine witzige Meldung, die mich zu einer Geschichte inspiriert hat.

Sie sagen, Sie lieben diese Geschichte sehr. Was mögen Sie an ihr am meisten?

Es ist diese Mischung aus Dichtung und Wahrheit, die mir so gefällt. Nurejew hat es ja wirklich gegeben und er hatte auch wirklich einen Hund. Den Rest der Geschichte habe ich mir ausgedacht: wie er zu dem Hund gekommen ist, um was für einen Hund es sich wohl handelte und wie er hiess. Ich habe einfach aus dem, was man über Nurejews Leben weiss, und meiner Fantasie zu diesem Hund eine Geschichte gestrickt.

Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb Sie für den eleganten Tänzer Nurejew einen dicken, unbeweglichen Hund erfunden haben?

Sehr schöne Menschen suchen sich oft ziemlich unscheinbare oder gar hässliche Freunde, um selbst besser zur Geltung zu kommen. Und dann habe ich mir gedacht, dass es zu einfach wäre, wenn ein Mensch wie Nurejew einen schnittigen Windhund hätte. So ist die Geschichte viel lustiger.

Also geht es um ausgleichende Gerechtigkeit?

In erster Linie geht es um die Macht der Liebe und der Sehnsucht. Die Geschichte handelt ja davon, dass dieser dicke Hund Oblomow nach Nurejews Tod heimlich mit Tanzen anfängt. Der hat sein Leben lang unter dem Klavier gelegen und einem der besten Tänzer der Welt zugesehen. Nach dessen Tod versucht er, ein paar Schritte zu tanzen, um ihn so ein bisschen am Leben zu erhalten. Und siehe da, es geht.

Ist Oblomow so etwas wie ein Fabelwesen, welches dem Leser eine Botschaft überbringen soll?

Ja, er ist schon ein Fabelwesen. Aber eine Botschaft überbringt er nicht. Nichts von dem, was ich mache, soll Botschaften transportieren. Ich habe der Welt nichts mitzuteilen. Ich habe einfach nur Lust, in meiner Fantasie Dinge zu erfinden.

Nächste Woche sind Sie im «Literaturclub» zu sehen. Dort sind Sie so etwas wie die Stimme des gemeinen Volkes, die für Verständlichkeit plädiert.

Das kann man vielleicht so sagen. Was ich versuche, ist, nicht zu kompliziert zu reden über die Bücher, die wir besprechen. Ich finde, man ist es dem Publikum schuldig, so über die Inhalte zu reden, dass es im Anschluss entscheiden kann, ob ein Buch zu einer Person passt oder nicht, und dass am Ende klar ist, ob es sich um ein leicht les­bares oder um ein anspruchsvolleres Buch handelt. Schliesslich kann nicht jeder alles lesen, genauso wenig, wie sich jemand ohne Vorkenntnisse an ein Klavier setzen und einfach losspielen kann. Für einige Bücher braucht es eine gewisse Leseerfahrung. Ich bin der Meinung, dass wir die Verantwortung haben, dar­über möglichst verständlich und einfach zu sprechen. Über die Köpfe der Leute hinweg zu diskutieren, finde ich nicht erstrebenswert.

Sehen Sie sich mehr als Literaturvermittlerin denn als Kritikerin?

Ich bin beides. Aber wenn ich im Fernsehen bin, bin ich Vermittlerin. Das Fernsehen ist nicht der Ort für Literaturkritik. Diese mache ich dezidiert schriftlich. Im Fernsehen schaue ich die Leute direkt an und rede in einfachen, klaren Sätzen.

Sie haben einmal gesagt, es sei Ihre Aufgabe, Menschen zum Lesen zu bringen.

Zumindest ist es mein Wunsch. Ich möchte vermitteln, dass Lesen ein grosses Glück ist und dass Bücher im Wirrwarr des Lebens ein rettendes Geländer sein können. Als meine Aufgabe oder gar Berufung sehe ich das jedoch nicht. Ich denke einfach, dass es mir gegeben ist, auf verständliche Weise über komplizierte Dinge zu sprechen. Das will ich nutzen, um damit Menschen zum Lesen anzuregen.

Und war­um finden Sie es denn so wichtig, dass Menschen lesen?

Wie soll ich die Welt kennen und verstehen, wenn ich nicht lese? Ich habe immer wieder festgestellt, dass Menschen, die nicht lesen, sich auch in allen andern Dingen des Lebens sehr schwertun. Indem man liest, kann man verstehen, wie die Welt gestrickt ist. Man kann erfahren, wie Menschen auf andern Kontinenten leben, essen, denken, lieben und miteinander umgehen. Wenn man das weiss, ist das ein erster Schritt auf dem Weg zur Toleranz und Vernunft.

Wie kamen Sie selber zum Lesen?

Ich habe bereits in frühster Kindheit mit Lesen begonnen und immer gemerkt, dass Bücher mich retten, indem sie mir Teile des Lebens erklären, mit denen ich sonst nicht fertig werde. Die meisten Menschen erleiden Verluste, leiden unter Krankheiten oder müssen Kriege erleben. Bücher können daran nichts ändern. Aber sie können Erklärungen dafür anbieten. Oder auch einfach nur ablenken, indem sie unterhalten. Das hilft.

Lesung

Elke Heidenreich und Marc-Aurel Floros: «Nurejews Hund – Eine Geschichte von Liebe und Sehnsucht». Sonntag, 17 Uhr, Casinotheater Winterthur

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