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Idylle am Rand

Der Dok-Film «Heimat Campingplatz» porträtiert Menschen, die den Winter am Schützenweiher verbringen. Er tut dies still und aus respektvoller Distanz, deshalb berühren die Schicksale. Vom Schauplatz selbst vermittelt er allerdings ein falsches Bild.

Wenn sie ihre vier Wände verlassen, stehen sie schon fast in der freien Natur. Die Umgebung des Campingplatzes am Schützenweiher hat einen idyllischen Touch. Geniessen können das die wenigsten, die hier den Winter verbringen, denn sie sind jeden Tag mit der Frage konfrontiert, wie es weitergehen soll. Durchschnittlich sechzig Menschen leben in der kalten Jahreszeit, wenn die Touristen abgereist sind, auf diesem Platz, der als einer der wenigen auch im Winter geöffnet ist. Die meisten tun es nicht ganz freiwillig. Der Dok-Film «Heimat Campingplatz – Überwintern am Schützenweiher», der am Donnerstag vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wird, gibt einen Einblick in menschliche Schicksale. Auch hier ist das Leben nicht gratis, der Aufenthalt kostet zwischen vierhundert und siebenhundert Franken im Monat. Bei drei der vier eingehender Porträtierten wird der Alltag bestimmt von der Stellensuche. «Ich höre die Vögel nicht mehr singen», sagt der 52-jährige gelernte Malermeister, dessen Gedanken sich, wie er sagt, nur noch um die Existenzsicherung drehen. Respektvolle Distanz Irgendwann ist sein Leben aus den Fugen geraten, er konnte sich eine Wohnung nicht mehr leisten und ist hierhergezogen. In seinem Briefkasten warten die Absagebriefe und Rechnungen, weshalb er ihn nur an jenen Tagen öffnet, wo er ein gutes «Karma» zu haben glaubt. Die Filmautorin Ursula Brunner lässt die Menschen selbst zu Wort kommen und verzichtet darauf, die skizzierten Lebensgeschichten zu kommentieren. Das Ergebnis ist ein unspektakulärer, stiller Film mit Bildern, die aus einer respektvollen Distanz aufgenommen sind. «Man sagt, wir leben hier am Rand der Gesellschaft, aber jemand muss ja da leben», meint eine der Porträtierten mit entwaffnender Offenheit. Dieser Frau, die wie ihr Partner auf Stellensuche ist, sieht man die prekäre Lebenssi­tua­tion nicht an; nach einer von einem gewalttätigen Mann geprägten Ehe lebt sie heute mit einem neuen Partner zusammen, der wie sie arbeitslos ist. Die Kamera begleitet sie aufs Arbeitsamt und bleibt dann zurück, als sich die Türe des Beratungszimmers schliesst. Ein besonderer Gast ist der ehemalige Radio- und Fernsehtechniker, der inzwischen wieder ins Berufsleben zurückgefunden hat und sich längst wieder eine Wohnung leisten könnte. Aber er hat sich an die Freiheit gewöhnt und zieht im Winter regelmässig vom Greifensee an den Schützenweiher. Umgebung wird ausgeblendet Überzeugend ist gerade die Normalität des Lebens, wie sie dieser Film einfängt. Es ist geprägt von Zwängen und Sorgen, aber auch von Freiheiten und kleinen Freuden. Ins Auge fällt die praktische Solidarität unter den Bewohnern: Man hilft sich gegenseitig, feiert den Einzug und den Abschied. Der Film beschränkt sich fast ausschliesslich auf den einen Schauplatz, und darin liegt zugleich seine Stärke und seine Schwäche. In unmittelbarer Nähe des Campingpatzes liegt das Schützenhaus, an Sonntagen ein beliebtes Ausflugsziel. Wie erleben die Bewohner den Kontrast zum bürgerlichen Familienleben, dessen Feiertagsseite wenige Meter an ihren Wohnwagen vor­überspaziert? Und auf der anderen Seite rauscht der Arbeits- und Freizeitverkehr auf der Autobahn vorüber. Es mutet seltsam an, dass diese Umgebung hier komplett ausblendet bleibt. So erscheint der Campingplatz ortlos in einer idyllischen Natur gelegen. Und das ergibt ein falsches Bild. Denn mag der Campingplatz auch am Stadtrand von Winterthur liegen, der Rand der Gesellschaft befindet sich in diesem Fall mittendrin. Der Schützenweiher liegt einen Katzensprung von gut frequentierten Stätten wie der nahen Autowaschanlage, den Schrebergärten und dem Einkaufszentrum entfernt. Dok: Heimat Campingplatz – Überwintern am Schützenweiher Donnerstag, 19. Dezember, 20.05 Uhr, SRF 1

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