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Im fliegenden Wechsel

Der Pianist David Greilsammer stellte John Cage und Domenico Scarlatti, beides musikalische Erfinder ihrer Zeit, direkt gegenüber. Ein radikaler Dialog, ein erfrischendes Konzert.

Links auf der Bühne steht das präparierte, rechts das normale Klavier. In der Mitte ein sich drehender Stuhl, mit dem sich umgehend zwischen den beiden Klaviaturen hin und her wechseln lässt: nacheinander zuerst eine Sonate von Domenico Scarlatti (1685–1757), dann eine von John Cage (1912–1992). David Greilsammer spielt die letzte Note einer Sonate aus, lässt das Notenblatt von der freien Hand auf den Boden flattern, dreht sich sofort um und spielt beim anderen Klavier ohne zu zögern weiter – im fliegenden Wechsel. Die Sonaten der beiden unterschiedlichen Komponisten mit dem riesigen Altersunterschied von fast 250 Jahren treten so in einen intensiven Dialog, in welchem man erkennt, wie viel die beiden Werkgruppen dennoch gemeinsam haben.

Ihrer beiden Sonaten sind kurz, leidenschaftlich und bunt. Beide erproben in der Sonate neue Wege. Scarlatti selber soll gesagt haben, dass die 555 Sonaten, die er zum grössten Teil für seine Klavierschülerin, die portugiesische Infantin und spätere spanische Königin Maria Barbara, geschrieben hatte, fern aller bisherigen Regeln der Komposition standen. Und auch John Cage löste sich in den 1940er-Jahren von der musikalischen Tradition und galt, nicht nur in den Augen Arnold Schönbergs, als Erfinder. Alleine für das Spielen seiner «Sonatas and Interludes» für präpariertes Klavier ist eine etwa dreistündige Vorarbeit für die Präparation des Klaviers nötig.

Als Visionäre, die ihrer Zeit voraus waren, versteht auch Greilsammer die beiden Komponisten. Er hält aber nichts von Pathos und Pomp, sondern liess im Musikkollegiumskonzert am Donnerstagabend die Musik für sich sprechen. Der 1977 in Jerusalem geborene Pianist zeigt kaum Bewegung im Körper während des Spiels und bleibt nüchtern in seiner Interpretation. Die Reihenfolge der Gegenüberstellungen ist geschickt gewählt und zeigt Zusammenhänge, die über Tonalitäten oder Harmonien hinausgehen.

Ganz unbeschwert

David Greilsammer spielt Scarlatti leise und behutsam, in der als erste vorgetragenen Sonate in d-Moll, K. 213 mit schönem Rubato oder in der ebenfalls in d-Moll stehenden Sonate K. 141 mit kräftigen, schnellen Achtelbewegungen oder ganz unbeschwert, aber mit bestimmten Akzenten in der besonders gefälligen D-Dur-Sonate K. 492 zum Abschluss.

Dazwischen standen Cages Sonaten, auch sie sanfter in den ersten beiden Nr. 13 und 14 oder bestimmt und wuchtig in den folgenden Nr. 12 und 1. Durch die Präparierungen gedämpft klingend, manchmal wie aus der Ferne, dann dumpf oder eher blechern und fast perkussiv in der letzten der vorgetragenen Sonaten, Nr. 5. So hebt Greilsammer, der auch das Genfer Kammerorchester leitet, hervor, was für ihn als Interpret herausfordernd und spannend ist: Durch den überraschenden Kontext der Werke macht er etwas Neues daraus, sagte er in einem Interview. Dies erprobte er auch bei seinem letzten Album «Baroque Conversations» von 2012: Dort umrahmt er Werke von zeitgenössischen Komponisten mit je zwei barocken Kompositionen und kombiniert so verschiedene musikalische Welten, die auf den ersten Blick eigentlich nicht zusammenpassen.

Interessante und unerwartete Dinge geschehen, wenn scheinbar weit von- einander entfernte Welten aufeinandertreffen, sagte Greilsammer. Spätestens bei der Zugabe stellte dies auch das begeisterte Publikum fest: Der Pianist spielte eine Scarlatti-Sonate auf dem «falschen» Klavier. Hervorragend anders!

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