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Im Ganzkörperpyjama auf dem Leidensweg

Zürich. Schrott, Trödel und anderes Arme-Leute-Mobiliar. Stefan Pucher inszeniert Georg Büchners Dramenfragment «Woyzeck» im Schiffbau. Und verliert sich im Trash und in der Weite des Schauplatzes.

Mann, Frau, Seitensprung, Mord. Nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten, der seine untreue Geliebte ersticht, und doch eine ungeheure Sache. Das ist Theater, so könnte Theater sein! Mit diesen Worten pries Rilke den Geniestreich eines 23-Jährigen.

So könnte Theater sein! Stefan Pucher, dessen Inszenierung von Büchners Dramenfragment «Woyzeck» am Freitagabend als zweite Premiere dieser Spielzeit in der grossartigen Schiffbauhalle über die Bühne ging, hat es verpasst, stringentes, berührendes, grosses Theater zu schaffen. Stattdessen zerbröselt seine Inszenierung. Zerfasert, statt sich gnadenlos zu verdichten. Zieht sich wortwörtlich in die Länge – was für einmal nicht zeitlich, sondern optisch zu verstehen ist. Die Aufführung dauert knapp eineinhalb Stunden. Die Wege, die gegangen werden, scheinen aber unendlich lang zu sein.

Überhöhte Landschaft

Stéphane Laimé, von dem wir schon überzeugende Bühnenräume gesehen haben, reiht auf der ganzen südlichen Längswand der Halle ein Sammelsurium an Schrott, Trödel und schäbigem Arme-Leute-Mobiliar auf.

Verschieden hohe Podeste bilden eine realistisch verortbare und doch surreal überhöhte Landschaft: der Versuch, Büchners lapidaren Ortsangaben Rechnung zu tragen.

Militärische Kajütenbetten, ein Wirtshaustisch, ein alter Kochherd, ein mit Phiolen und Reagenzgläsern bestückter Labortisch, ein Friedhof der Kuscheltiere, der Frisörsessel suggerieren die Schauplätze; im Hintergrund Klaviere, ein Karussellpferd, ein Bettschemel, vorne der unheilvolle Teich und vieles mehr, was je nach Sitzplatz – die Tribüne nimmt die gegenüberliegende Längsseite ein – kaum zu erkennen ist.

Dieser disparate Stationenweg, so war es wohl von Regie und Bühnenbild intendiert, orientiert sich an der fragmentarischen Struktur des Dramas: an jenen kurzen Episoden, deren Abfolge ungeklärt ist. Doch das Ziel wird verfehlt: Statt das Drama zu fokussieren, verlieren sich die Personen, bis auf wenige dichtere Momente, im weitläufigen Wust des aufgereihten Mülls.

So macht Woyzeck sich in einem schmutzig-weissen Ganzkörperpyjama, bisweilen durch eine grobes Drillichgewand ergänzt, auf den Leidensweg: getrieben von der Eifersucht und inneren Stimmen, gedemütigt von seinem Vorgesetzten, malträtiert von einem dubiosen Arzt.

Blasse Figuren

Doch das Martyrium des Mörders bleibt Behauptung. Der schweisstreibende soldatische Drill – Rennen, Robben, Buddeln, Salutieren – bleibt oberflächliche physische Leistung. Selbst einem vorzüglichen Schauspieler wie Jirka Zett gelingt es nur selten, zum Kern von Büchners marterndem Text vorzudringen: jenem verstörenden Durchblick des Wahnhaften.

Henrike Johanna Jörissens Marie mit hochgezurrtem Busen bleibt eine blasse Figur; von der Lebensgier einer jungen Frau ist nichts zu spüren. Dem Tambourmajor mit strähniger Perücke von Jan Bluthardt nimmt man nicht mal den Macho ab – allerdings trommeln kann er! So wie Johannes Sima als Andres auch singen kann: Büchner tönt da aber sehr nach «Hase aus West Germany».

Ein Ärgernis des Abends sind schliesslich die Videobilder (zum Teil live, zum Teil Konserve), die jenem Teil des Publikums zugemutet werden, der im richtigen Moment am falschen Ende sitzt. Sie bewirken weder Betroffenheit noch Reflexion. Sie sind modernistischer Ersatz für hautnahes Theater, ebenso wie die Live-Musik, welche die bedrängende Si­tua­tion eher zudröhnt als unterstreicht. Höflicher Applaus, und aus!

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