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Im goldenen Käfig

Reto Berra befindet sich bei Colorado derzeit in einer schwierigen Si­tua­tion. Obwohl er in dieser Saison kaum noch zum Einsatz kommen wird, lässt er sich nicht entmutigen.

Nach dem Warm-up vor der Par­tie gegen die Minnesota Wild ­erscheint Berra erschöpft in der Kabine. Kurz zuvor hatte er in vol­ler Montur Linienläufe absolvieren müssen, während für die Stammspieler schon lange Er­holung angesagt war. Dieses Szenario ist für den Schweizer Nationalgoalie derzeit Normalität, sein letzter Einsatz in der NHL datiert vom 5. Dezember, als er im letzten Drittel eingewechselt wurde. Momentan sind die Trainings seine Spiele. «Es ist sicher eine gute ­Erfahrung, auch wenn ich lieber spielen würde», sagte Berra.

Dass Semjon Warlamow bei Colo­rado in dieser Saison die Num­mer 1 ist, war klar gewesen. Ende November hat sich die Si­tua­tion für Berra aber dramatisch verschlechtert. Während der russische Stammkeeper verletzt war, wurde der Zürcher dreimal hintereinander eingesetzt. In der ersten Partie brachte er es auf ­ eine Abwehrquote von 87 Prozent, danach wurde er in der 17. respektive 11. Minute ausgewechselt, nach­dem er jeweils drei Gegen­tore kassiert hatte. Der aus der AHL geholte Calvin Pickard dagegen kam zweimal auf eine makellose Bilanz und ist seither faktisch die Nummer 2, auch wenn er mittlerweile wieder in der AHL ­tätig ist. Colorados Head­coach ­Patrick Roy, ein früherer Spit­zengoalie, bezeichnete die Leistungen von Pickard als «phänomenal».

Das Vertrauen neu verdienen

Wie wenig Vertrauen Berra derzeit geniesst, zeigt die Partie in der Nacht auf Montag gegen die Winnipeg Jets (2:5). In dieser kassierte Warlamow von der 23. bis zur 36. Minute vier Gegentreffer vom 1:0 zum 1:4, dennoch been­dete er das Spiel. Was muss Berra machen, um wieder eine Chance zu erhalten? Roy: «Er muss im Trai­ning zeigen, dass er viele Pucks hält und das Vertrauen der Coaches verdient.» Allerdings befän­den sie sich nun mitten im Rennen um die Playoffs (derzeit liegt Colorado in der Central Divi­sion auf dem letzten Platz) und müssten Partien gewinnen. Zudem erlaube es der Spielplan, Warlamow oft einzusetzen.

Zwar attestiert Roy dem Schwei­zer eine bessere Arbeitseinstellung, er habe aber die Tendenz, nach einem erhaltenen Tor im Training entmutigt zu sein. «Wir wollen ihn mental stärker sehen.» Die Worte von Roy waren zuvor im Warm-up bestätigt ­worden. In diesem war mehr als ersichtlich, dass Berra derzeit über wenig Selbstvertrauen verfügt. «In der NHL ist die Rolle als Backup ganz anders als in der Schweiz», so Berra. «Du bist etwas ausserhalb, bist jener Spieler, der viel trainiert. Das ist für mich ­etwas Neues, das muss ich zuerst lernen. Ich habe nicht mehr so viel Verantwortung, wie ich mir das ­ in Biel gewöhnt war. Es ist eine harte Si­tua­tion, jeden Morgen aufzustehen und ins Training ­ zu gehen.»

Wie verarbeitet er die mehr ­ als unbefriedigende Si­tua­tion? «Mittlerweile bin ich soweit, ­dass ich niemanden brauche. Es ist nichts Schlimmes, was ich hier durchmache. Das ist normales Business. Ich muss es gar nicht gross verarbeiten. Mit 20 war das vielleicht anders. Mittlerweile bin ich 28 und bin auch schon durch harte Zeiten durchgegangen.» Bei Frust erinnert sich Berra daran, wie gut es ihm trotz allem geht, dass er in grossen Städten spielt, in hervorragenden Hotels untergebracht ist, immer fliegt, mit durchschnittlich 1,45 Millionen Dollar pro Jahr einen guten Lohn erhält und gesund ist. Er befindet sich also faktisch in einem goldenen Käfig.

Erfolgserlebnis in der AHL

Ein Erfolgserlebnis spezieller ­ Art hatte Berra immerhin seit ­ den fatalen Spielen im November. Nachdem er Mitte Januar für ­ fünf Begegnungen in die AHL geschickt worden war, erzielte er in der ersten Partie ein Tor, was ihm zuvor noch nie gelungen war. «Ich hatte immer davon geträumt. Es gehört aber viel Glück dazu. Es war unglaublich», so Berra. Dementsprechend ausgelassen fiel sein Jubel aus. «In dem Moment wusste ich gar nicht, was ich ­mache. Es sind viele Emotionen zusammengekommen.»

In der Zwischenzeit herrscht wieder grauer Alltag, und dies dürfte sich in dieser Saison kaum noch ändern. Von daher ist es ­ klar, dass Berras Manager André Rufener regelmässig Anrufe von interessierten Vereinen aus der Schweiz erhält. Eine Rückkehr ist derzeit aber kein Thema. In der NHL hätten sie ein kurzes Gedächt­nis, sagte Rufener. Von daher kann es auch in die andere Richtung schnell gehen. Jedenfalls dürfte Colorado Berra früher oder später auf die Waivers-Liste setzen, was ihm eine neue ­Chance eröffnen könnte. Allenfalls wäre auch die AHL angesichts des ­ noch zu verdienenden Geldes in den verbleibenden zwei Jahren eine gute Alternative. Deshalb ist für Berra eine Rückkehr in die Schweiz noch weit entfernt: «Ich will mich in der NHL ganz klar durchsetzen. Alles andere werden wir dann sehen.» spg

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