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Im Hirn ein vielstimmiges Rauschen

Der Winterthurer Filmkünstler Hannes Schüpbach und der französische Dichter Joël-Claude Meffre sind eine faszinierende Zusammenarbeit eingegangen. Am Mittwoch ist «Instants» in der Villa Sträuli zu sehen.

Wie oft leiden Künstler, wenn sie erkennen müssen, wie dürr ihre Worte wirken, wie banal ihre Bilder erscheinen angesichts des inneren und äusseren Reichtums, den sie erfahren haben. Und sie suchen nach (Aus)wegen, wie sie wenigstens den Schein dieser intensiven Bewusstseinswelten jenseits von klischierten Konventionen retten könnten. Der 49-jährige, international anerkannte Winterthurer Künstler Hannes Schüpbach hat sich möglicherweise deshalb dem Kunstfilm zugewendet, obgleich er auch Bilder malt. In der Dezemberausstellung 2012 bildete seine Kurzfilmtrilogie «Spin/Verso/Contour» den künstlerischen Höhepunkt. Sein im Februar veröffentlichtes Werk «Instants» ist aus einer Kollaboration mit dem französischen Archäologen und Dichter Joël-Claude Meffre hervorgegangen und liegt als Publikation mit DVD vor. Am 19. März sind beide in der Villa Sträuli zu Gast: Meffre mit seiner Textsuite, die nach der Visionierung des beinahe fertigen Films entstanden ist, und Schüpbach mit seiner eindrücklichen 15-minütigen Filmkomposition. Schüpbachs mit der Handkamera gefilmte Werke funktionieren wie Erinnerungen oder Traumsequenzen, deren Logik oder Sinn sich kaum auf den ersten Blick enthüllt, obschon «Instants» durch eine erstaunliche motivische Klarheit geprägt ist, die durch schlaufenartige Wiederholungen noch gesteigert wird. So wird man beinahe unbemerkt durch das reich facettierte Bilderlabyrinth geführt. Schon von früher vertraute Motive sind Erde und Feuer, Wasser und Wind, Licht und Schatten. Die Schnitttechnik folgt Schüpbachs eigener Filmpoetologie: Bewegte Bilder, längere oder kürzere Sequenzen, werden durch Standbilder unterbrochen, dar­un­ter auch weisse und schwarze Flächen. Kein ruhiger Fluss lässt die Augen ausruhen, Rhythmuswechsel fordern heraus und lassen Ausschnitte und Facetten vorbeihuschen. Im Vergleich zu früheren Filmen hat sich die Landschaftstopografie verlagert: Statt der heimatlichen Welt von Garten und Bergen, Mutter und Vater rückt nun die wilde französische Landschaft ins Zen­trum. Der Wind – man hört nichts im tonlosen Film – ist der kräftige Beweger von Blättern, Ästen und Gräsern; helle Überblendungen wechseln mit lilafarbenen Verschattungen; das klare Bächlein strömt, die Quelle sprudelt über eine Hand, das Feuer brennt im Abendlicht, in der Ferne der bewaldete kegelförmige Berg, ein Hund streift durch das Niederholz, ein Hand führt den Stylo übers Papier, eine jüngere Frau taucht auf und wird im dynamischen Sprung fixiert. «Instants» fordert mit einer zutiefst gegensätzlichen Struktur heraus. Motivisch erinnern das Bächlein und das fallende Wasser, Wald und Wind, die zerfallende Mauer und die geheimnisvolle Frau eher an Sehnsuchtsmotive aus der (deutschen) Romantik, an Weltflucht und Naturseligkeit. Nun sind freilich zu viele «Film»-Störungen eingebaut, als dass man sich ausschliesslich kontemplativem Träumen hingeben würde. Die vielen Schnittstellen unterbrechen den Fluss, und die Diskontinuität bringt den für Schüpbach so wichtigen Reflexionsprozess über die «Natur» von Bild und Film in Gang. Man muss diesem Appell nicht folgen, Joël-Claude Meffre hat sich indes in seinen Kurztexten auf die Herausforderung eingelassen, folgt den Spuren des Films, vergleichbar dem Hund im Film, und nähert sich Schüpbachs Kunstobjekt mit Vergleichen, Analogien, Metaphern und Paradoxien – ein «Nachdichten», das zwischen Bewusstseinstheorie und spekulativer Wortpoesie pendelt und im Hirn des Lesers ein vielstimmiges Rauschen hinterlässt. Am Mittwoch liest Meffre in der Villa Sträuli seine Texte und Schüpbach zeigt seinen Film, der an den internationalen Filmfestivals von Toronto und Rotterdam Premiere feierte. Instants Aufführung: Mittwoch, 19. März, 20 Uhr, Villa Sträuli, Museumstrasse 60 Buch mit DVD: Hannes Schüpbach/Joël-Claude Meffre: Instants, 72 S., s.-w. und farbige Abb., mit einem Essay von Marco Baschera. Revolver Publishing, Berlin 2014, ca. 35 Fr.

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