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Im Jazz-Dschungel

Über tausend Seiten dick, fast zwei Kilo schwer und nur sehr wenige Bilder: So präsentiert sich das Buch, in dem Peter Rüedi seiner Leidenschaft für den Jazz freien Lauf lässt.

Keine Frage: Peter Rüedi ist der mit Abstand wortmächtigste Jazzliebhaber in deutschsprachigen Landen – und er ist mit fast allen bildungsbürgerlichen Wassern gewaschen. Und so wimmelt es denn in seinen Texten über Jazz nur so von Abschweifungen in Gebiete, die mit dem Thema höchstens indirekt etwas zu tun haben. Wer knappe Informationen sucht und das «Daumen-rauf-Daumen-runter»-System bevorzugt, ist bei Rüedis Sammlung an der falschen Adresse. Sie enthält 1522 Kolumnen aus dem Zeitraum zwischen September 1983 und September 2013. Der Dürrenmatt-Biograf Rüedi, der letztes Jahr 70 wurde, scheint übergeordneten Wertesystemen zu misstrauen. So präsentiert er die Texte, die sich überwiegend um Tonträger drehen (dazu kommen ein paar Nachrufe und Buchbesprechungen), in der Reihenfolge ihres Entstehens. Das ergibt ein fröhliches Kuddelmuddel aus sehr viel amerikanischer Jazzgeschichte (die Texte zu historisch bedeutsamen Werksammlungen sind besonders substanziell), liebevoller Heimatpflege (der Schweizer Jazz ist mit über 200 Einträgen überdurchschnittlich vertreten) und ziemlich unkritischer ECM-Verehrung – inklusive zahlreicher, teilweise wortwörtlicher Wiederholungen. Das Salz in der Suppe Der Schriftsteller Michael Mettler beschreibt es in seinem Vorwort treffend: «So aneinandergereiht und aufgeschichtet wie in diesem Buch, ist das selbstredend eine Grande Bouffe in jazzistischer Doppelrahmseligkeit, eine Hochzeitstorte der Augenblickstrunkenheit, melosbesoffen und enzyklopädisch bis zum Exzess.» Es wird kaum jemanden geben, der dieses dicke Buch von vorne bis hinten durchliest: Hier handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Band, der zum Rumschmökern einlädt – und dank Alben- und Namenregister ist auch spezifisches Nachschlagen möglich. Rüedi liefert sozusagen das extravagante Himalaja-Salz für die oftmals ziemlich fade Jazzlexikasuppe. Dabei deckt Rüedi ein enorm breites Spektrum ab. In einigen Texten verabschiedet er sich sogar ganz vom Jazz – etwa wenn er über Arvo Pärt schreibt, über eine Aufnahme von Kurt Schwitters’ «Ursonate» oder die Ausflüge Keith Jarretts in die Klassik. Aber auch in Jazzangelegenheiten ist für Rüedi Vielfalt Trumpf. So stösst man eben nicht nur auf grosse Namen (von A wie Armstrong bis Z wie Zorn), sondern auch auf Insidertipps wie Johnny Coles oder Buck Hill, die Dixielandgruppe Red Hot Peppers, den Bigbandleader Dani Felber oder den Swingklarinettisten Ernst Höllerhagen (1912–1956). Diese Vielfalt ist grundsätzlich sympathisch und begrüssenswert, signalisiert sie doch einen offenen Horizont. Tatsächlich zählt Rüedi zu den unverbohrtesten Jazzenthusiasten weit und breit; Die Verpolitisierung der Berichterstattung, wie sie der von ihm als «Jazz-Inquisitor» titulierte Christian Rentsch früher im «Tages-Anzeiger» forcierte, war ihm ein Gräuel. Wenig Kohärenz Und so hielt Rüedi der «Weltwoche» auch nach dem Rechtsruck und der Kürzung seiner Kolumne die Treue und lässt uns in seinem Vorwort sogar wissen, dass deren Chef ein Jazzfan sei. Doch Rüedis gutmütiger Relativismus hat auch seine problematischen Seiten. Die Zeiten, in denen man an einen unumstösslichen Kulturkanon glaubte, sind ja glücklicherweise vorbei. Und doch würde man sich ein bisschen mehr Kohärenz und Mut zu klaren Werturteilen wünschen: Wer sind die echten Favoriten von Rüedi? Und warum? Welche «Unsung Heroes» möchte er uns besonders stark ans Herz legen? Gibt es Urteile, die er inzwischen als überholt anschaut? Wie bewertet Rüedi die Entwicklung des Jazz generell? Auf solche Fragen gibt das Buch höchstens implizit Antwort. Und so resultiert aus der rein additiven Kumulation der Kolumnen eine gewisse Konfusion und Übersättigung. Oder anders gesagt: Statt der Vogel- hat Rüedi die Dschungelperspektive gewählt.

Peter Rüedi Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen, Echtzeit-Verlag, Zürich 2013. 1319 Seiten, Fr. 82.–

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