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Im Kleinen die Welt verändern

Zürich. Obwohl die Mitglieder der Schweizer Kooperative Longo Maï in ihrem ersten Jahr als selbstverwaltete Bauern beinahe verhungert wären, gibt es sie immer noch. Nach vierzig Jahren ist die Gruppe auf 200 Personen angewachsen. Und der Zulauf reisst nicht ab.

Vierzig Jahre ohne Lohn, vierzig Jahre Kooperation und Diskussion – es ist der Triumph einer Idee, dass die Kooperative Longo Maï noch immer besteht. Hannes Reiser ist eines der 30 Gründungsmitglieder, die in den frühen Siebzigerjahren von einem selbstbestimmten Leben abseits der Konsumgesellschaft träumten. Und aus denen schliesslich Longo Maï entstand.

Reiser ist heute um die sechzig Jahre alt und wirkt jugendlich. Aufgeschlossen, mit einem Schalk in den Augen – er ist ein Mann mit wenig Sorgenfalten im Gesicht. Erzählt er von früher, dann mit einem Lächeln. Wie die jungen Basler in Zweiergruppen durch die Schweiz gezogen sind auf der Suche nach verlassenen Bauernhöfen, die sie übernehmen könnten. «Wir wurden fündig», sagt er. Im Tessin, im Jura, in Graubünden. Damals war es, wie es heute noch ist: Longo Maï suchte seinen Platz an den Rändern. Dort, wo die Gesellschaft das Land verlässt.

Die ersten Projekte scheiterten, allen voran jenes im Misox. «Wir hatten grosse Pläne», erinnert sich Reiser. Im milden Klima des Tales wollten die Enthusiasten eine dreiteilige Landwirtschaft pflegen. «Aber die Dorfbewohner wollten uns nicht.» Der Hof stand mitten im Ort – Longo Maï musste gehen. Und fand bald dar­auf einen verlassenen Hof in der Provence.

Es begann in der Provence

Für 300 000 Franken kaufte man einen Weiler und das zugehörige Land. «Es war alles überwuchert von Weissdorn und Ginster», sagt Reiser. Auf die Schweizer wartete eine Menge Arbeit. Aber in der Provence half die Dorfbevölkerung den Ankömmlingen. Die Nachbarn zeigten, wo früher welches Getreide angebaut worden war und wo die jungen Leute eine Quelle finden konnten. «Sie freuten sich, dass wir da waren», erinnert sich Reiser, «und wir gingen bei ihnen in die Lehre.» Die Städter lernten so das Bauern und die Schafzucht.

Trotzdem seien sie in ihrem ersten Jahr beinahe verhungert, erinnert sich Reiser. Zu radikal hatte man sich an die Idee der Selbstversorgung gehalten. «Das hat sich nicht umsetzen lassen.» Die Kooperative hat ihre Ziele angepasst. Heute ist der Eigenversorgungsgrad der Kooperative zwar hoch, aber ohne Konsumgüter kommt Longo Maï nicht aus. Trotzdem: Die Gruppe stellt in einer wasserbetriebenen Spinnerei Wolle her und verarbeitet sie auf alten Strickmaschinen. Die Kleidung tragen die Mitglieder zu Teil selbst, aber sie verkaufen die auch. Wenn es nötig ist, bauen die «Longos», wie sie sich nennen, ihre eigenen Häuser: aus selbst gemachten Lehmziegeln oder Holzhäuser mit Wänden aus Lehm und Stroh.

Dabei basiert die ganze Arbeit auf Freiwilligkeit. Hierarchien lehnt die Kooperative ab. Gewisse Arbeiten kommen auf den Ämtliplan, damit sie erledigt werden – wie es jeder kennt, der in einer Wohngemeinschaft gelebt hat. Abgesehen davon kann jeder wählen, ob er lieber mit den Schafen arbeiten, den Traktor fahren, kochen oder sich um das Saatgut kümmern will. Niemand erhält Lohn. Höfe und Land gehören einer Stiftung. Entscheide werden im Plenum gefasst, was in der Regel zu Diskussionen führt, die lange dauern können. Reiser sagt: «Der Alltag ist politisch.» Das, was die Kooperative auf ihren Höfen, aber auch das, was sie in der Öffentlichkeit tut.

Longo Maï versucht die Menschen unter anderem für das Problem des Verschwindens von alten Nutzpflanzen zu sensibilisieren – etwa bei der jährlichen Saatgutbörse in den Thurauen. Oder das Phänomen der Massentierhaltung.

Zehn Kooperativen in Frankreich, der Schweiz, Österreich, Deutschland und der Ukraine umfasst Longo Maï. Seit einigen Jahren klopfen junge Menschen an und wollen mitarbeiten. «Es sind jetzt jährlich rund tausend», sagt Reiser. Sie kommen aus Spanien, Frankreich, Italien und wollen in der Wirtschaftskrise lernen, wie man eine selbstverwaltete Kooperative auf die Beine stellt.

Bleiben sollen sie nicht, denn Longo Maï will nicht wachsen. «Solange wir 200 Mitglieder sind, kennen wir uns alle», sagt Reiser, «und dann brauchen wir weder Statuten noch festgeschriebene Regeln.» Aber gerne gibt man die Erfahrungen weiter, welche die Kooperative gemacht hat. Damit es mehr solche Gruppen gibt, die einen anderen Gesellschaftsentwurf wagen.

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