Zum Hauptinhalt springen

«Im Rudel tricksen uns die Ratten aus»

«Das private Rattenheim bei uns zu Hause war ein Traum, den ich mir vor zwei Jahren erfüllen konnte. Ratten sind intelligent, lern- und anpassungsfähig. Ausserdem sind es sehr saubere Tiere. Sie haben ein ausgeklügeltes Sozialsystem im Rudel. Ein Mensch blickt da nicht durch. Es sind leider wenige schöne Geschichten, die ich von meinen Ratten erzählen kann. Meine Tiere haben meist einen tragischen Hintergrund. Harry kam über Private zu uns. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass er eine ehemalige Laborratte ist. Als wir ihn holten, war er vier Monate alt, und wir mussten ihn zuerst an das Rudelleben gewöhnen. Er lebte im Labor in einem Kunststoffbehälter und kannte nur Trockenfutter. Im Auslauf hoppelte er wie ein Hase durch die extra dafür vorgesehenen Räume in der Wohnung. Harry konnte nicht klettern, war enorm tollpatschig im Umgang mit den anderen Ratten und begriff nicht, wie er sich verhalten sollte. Momo und Bijou sind unsere zahmsten. Sie kamen über die Rattenvermittlung zu uns und lebten früher wortwörtlich auf einem jungen Mann: auf einer Schulter, in der Kapuze oder im Pulli. Nur zum Schlafen kamen sie in einen Käfig. Der junge Mann verschwand irgendwann und liess die Ratten zusammen mit anderen Tieren zurück. Die Vermittlung des Rattenclubs rief mich an und fragte, ob ich die Tiere bis zur Weitervermittlung unterbringen könne. Da ich sechs Pflegeplätze habe, um Ratten auch kurzfristig aufnehmen zu können, sagte ich zu. Momo und Bijou waren sehr anhänglich und beinahe aufdringlich. Ich habe mich gleich in beide verliebt. Sie waren aber überfordert mit unserem grossen Rudel, weil sie an den Menschen gewöhnt waren, und wurden von den anderen Tieren ausgegrenzt. Wir suchten deshalb ein neues, kleines Rudel für sie. Am Tag des Abschieds habe ich dann alles bereit gemacht für die Fahrt: die Transportbox und die Kühlelemente. Das war nötig, denn es war ein heisser Tag. Mein Mann Willy kam abends nach Hause und wir wollten die Tiere in der Box unterbringen. Bijou liess das problemlos geschehen, aber Momo weigerte sich. Sie krallte sich an meinem Unterarm fest wie ein Äffchen. Endlich in der Box, begann sie alles zu zerbeissen und wurde ganz wild. Sie benahm sich wie eine Furie. Ich bekam richtig Angst, weil ich Momo bis dahin noch nie so erlebt hatte. Wir haben uns dann trotzdem mit dem Auto auf den Weg gemacht. Doch je weiter wir fuhren, umso wilder wurde Momo. Irgendwann fuhr mein Mann dann an den Strassenrand und sagte: «Abbrechen.» In dem Moment wurde es in hinten in der Box ganz ruhig. Wir sind dann umgekehrt und über Land zurück nach Hause gefahren. Langsam. Während der Fahrt war es mucksmäuschenstill in der Box. Zurück in der Wohnung, spazierten beide seelenruhig in den Käfig. Etwas Vergleichbares habe ich in 25 Jahren Rattenhaltung noch nie erlebt. Im Moment haben wir 22 Tiere. Da wir kein offizielles Heim sind und uns privat finanzieren, kann man bei uns die Ratten nicht einfach abgeben. Es wäre schön, wenn wir von irgendeiner Seite finanzielle Unterstützung bekommen würden. Das ist aber sehr schwierig. Um allen Tieren gerecht zu werden, musste ich meinen Alltag umorganisieren. Morgens versorge ich das grosse Rudel und abends das kleine. Das sind vier bis sechs Stunden Arbeit. Die Tiere bekommen morgens und abends ihre Medikamente, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Diese verabreiche ich ihnen auf einem Löffel mit einer wohlschmeckenden Paste. Sie bekommen unter anderem Cortison, Schmerzmittel oder Antibiotika. Das erhalten die Tiere, welche Tumore haben, die man nicht mehr operieren kann. Gleichzeitig aber auch die Ratten, die Atemwegprobleme oder Metastasen auf der Lunge haben. Die vielen Krankheiten sind eine Auswirkung der Laborzucht und kommen bei fast allen domestizierten Ratten vor. Ab 16 Uhr bereite ich wieder Frischfutter für die Tiere zu. In der Zwischenzeit bin ich als selbstständiger Coach und Seelsorgerin tätig. Das Rattenheim ist einerseits mein Hobby und eine grosse Leidenschaft, andererseits mein Beitrag an den Tierschutz. Ein paar Minuten mit ihnen im Auslauf oder kleine Streicheleinheiten während der Fütterung geniesse ich sehr. Es gibt Tiere, die sind richtige Komödianten oder entwickeln ausgeprägte «kriminelle» Ener­gie­n. Diese Ratten finden immer einen Weg, an ihr Fressen zu kommen, egal ob man alles abgesichert hat oder nicht. Sie sind sehr einfallsreich und arbeiten im Team. Mein Mann hat einmal beobachtet, wie vier Ratten ein Pfund Brot vom Tisch gestohlen haben. Eine hat meinen Mann abgelenkt, zwei warteten auf dem Boden und die vierte auf dem Tisch. Jene auf dem Tisch hat das Brot quer über die Tischplatte an den Rand gezerrt, bis es runterfiel. Die zwei am Boden haben es dann mit vereinten Kräften abtransportiert.» AUFGEZEICHNET VON NADINE KLOPFENSTEIN

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch