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In Hegi an der Hellebarde gedrillt

Die Dame schreit nach der Magd und der Schlachtruf der Soldaten hallt durch den Hof. Gestern war auf dem Schloss Hegi Mittelalter.

«Bethli? Elisabeth! Wo steckst du wieder», keift die ältere Dame mit Haube aus dem Fenster des Turms. Magd Bethli stiehlt sich mit verschmitztem Lachen aus dem Nebengebäude, während sie noch ihr Mieder zuknöpft. Die strenge Köchin hat die Situation sofort erfasst: «Du solltest auf deine Tugend achten, junges Fräulein. Was machst du, wenn der Herr dir einen Balg anhängt?» Mit solchen kurzen Szenen wurden die Führungen am Mittelaltertag im Schloss Hegi illustriert. Mit einem zwinkernden Auge vermitteln die Einlagen einen Eindruck vom Leben auf dem Schloss vor 500 Jahren. Historiker Peter Niederhäuser erläuterte neben der Geschichte der verschiedenen Bewohner die Baugeschichte der Burg: «Der Turm war nie zur Verteidigung gebaut worden, jedes Kind hätte Schloss Hegi erobern können. Die Schiessscharten und Türmchen wurden nur wegen der schönen Optik gebaut.» Während der unterhaltsamen Geschichtslektion spielen sich hinter der Burg gewalttätige Szenen ab. Ein knappes Dutzend Kinder werden an der Hellebarde gedrillt, zu Kriegern gemacht. «Stellhallbar! Traghallbar! Wehrt die Ritter!», lauten die Kommandos, die Philipp Hofer und ein zweiter, plattengepanzerter Soldat vom historischen Fechtverein Freywild in ihrem Crashkurs vorgeben. Bereits nach wenigen Versuchen ragen die stumpfen Hellebarden mehr oder weniger korrekt in den Himmel. Mit einem Schauangriff auf die gemütlich in der Schlossbeiz sitzenden Besucher wird die Lektion abgeschlossen. Einige Mittelalterfans haben sich in Schale geworfen: Die Obrigkeit kleidet sich in schweren Samt, während das Fussvolk Leinen und Leder trägt. Hauptsächlich bevölkern aber modern gekleidete Familien das Schlossgelände, sie schlendern durch den Garten, lassen es sich bei Met und Bratwurst gutgehen oder nehmen an den Darbietungen teil. Wem ein Waffendrill zu viel des Guten ist, der lauscht dem Geschichtenerzähler oder nimmt den Mörser zur Hand, um sich die persönliche Kräutermischung zusammenzustellen. Erstaunlich viele Mädchen versuchen sich an der Schmiede, wo sie mit dem Fäustel ihr eigenes Hufeisen schmieden können. Falkner braucht es heute noch Wer nicht ausprobieren will, aber vertieftes Wissen sucht, bekommt von jedem Handwerker detaillierte Hintergrundinformationen. Wann wurden welche Münzen geprägt? Aus welchem Material sind die Dolche gemacht? Wozu braucht man dieses Werkzeug und woher stammt diese Waffe? Die Fragen sind weitreichend, die Antworten fundiert. Ein Highlight ist der Vortrag der Falkner. Von zwei Vögeln begleitet, erklären sie die Kunst der Jagd in der Luft. Hier trifft sich Mittelalter und Gegenwart, denn die Jäger werden auch heute noch von Bauern engagiert, um Krähenplagen auszumerzen oder sogenannte Junggesellenschwärme zu vertreiben. Eine Demonstration der Jagdkünste der Vögel gibt es aber nicht. In Stadtnähe lauern zu viele Gefahren auf die Tiere, denen der freie Flug nur selten erlaubt wird. So gross das Interesse an den Vorfahren auch ist, tauschen wollen auch die Fans nicht. Manuela Peter im schwarzen Barockkleid sagt dazu: «So romantisch die Vorstellungen auch manchmal sind, die WC-Spülung möchte ich nicht missen.» Und auch sonst hört man immer wieder Bemerkungen wie «Die Schmiede stinkt», «Das Haus ist stickig» oder «Das wäre mir zu mühsam». Einen Nachmittag lang «Mittelalter light» erleben reicht, um den Abend in der Blockwohnung wieder zu schätzen.

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