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Intime Herzlichkeit auf höchstem Niveau

Egal ob Chanson, Pop, Soul oder Jazz: Sina fühlte sich beim Molton-Festival im aus­verkauften Theater am Gleis sicht- und hörbar wohl.

War sie nicht einst die Rocklady mit der wilden Löwenmähne, die bauchfrei Sex-Appeal verströmte und bewies, dass auch Walliser Dialekt sexy sein konnte? Um derlei Attribute, die ihr vor bald zwei Jahrzehnten von den Medien verliehen worden waren, kümmert sich Ursula «Sina» Bellwald längst nicht mehr. Und das ist gut so. Eine Rock­musikerin im eigentlichen Sinne war die 47-Jährige sowieso noch nie, eher eine facettenreiche Popsängerin. Neben dieser Hauptbeschäftigung hatte sich Sina in den letzten Jahren immer wieder in anderen Genres umgeschaut, sie schnupperte Theaterluft oder war mit der schwer einzuordnenden Experimentaljazzsängerin Erika Stucky unterwegs. Diese Fülle an Erfahrungen im Kleinkunstbereich kam Sina am Freitagabend im völlig ausverkauften Theater am Gleis – es wurden vor der Bühne sogar noch zwei Extrastuhlreihen aufgestellt – besonders zugute. Das Hauptgewicht des Abends lag natürlich auf der Musik, aber auch ihre schauspielerischen und komödiantischen Talente liess Sina immer wieder aufblitzen. Als charmante Conférencière ist die Frau aus Gampel mit Aargauer Wohnsitz eh eine Klasse für sich. Bei so kleinen Konzerten habe man «viel mehr Zeit zum ‹Schnure›», frohlockte sie schon bald. Das Publikum hatte nichts dagegen. Die ganze Bandbreite Trat Sina letztes Jahr noch mit grosser Band und vielen Gästen im Rahmen der «Duette»-Tournee in der Region auf, so war am zweiten Abend des Molton-­Festivals Minimalismus angesagt. Mit zwei männlichen Begleitern nur war die Walliserin angereist. Michael Chylewski und Peter Wagner, beide aus Basel, begleiteten Sina mit Saiteninstrumenten und Keyboard. Mehr als diese drei brauchte es nicht, um den Saal mit Musik und Herzlichkeit zu durchfluten. Das auf Vintage getrimmte Wohnzimmer­dekor der Molton-Festivalreihe passte perfekt zur musikalischen «Stubete» des Trios. Es nützte die Möbel gar weidlich aus: Während Chylewski zu Beginn der zweiten Hälfte ein abstruses Lied über eine schlecht riechende Freundin auf Französisch sang, machten es sich im Hintergrund Sina und Wagner auf zwei Fauteuils gemütlich und sangen dabei die Harmoniegesänge. Die Frontfrau und ihre zwei Herren schienen sich sichtlich wohlzufühlen, was sich natürlich auch auf die Musik auswirken sollte. Der Auftakt zeigte an, dass Sina kein Abspulen ihrer grossen Radiohits im Sinn hatte. Die Töne aus einem Plastikrohr klangen abwechselnd wie ein australisches Didgeridoo, eine indische Sitar oder ein archaisches Blasinstrument aus dem Lötschental. Tontechniker Pat Wettstein gelang es immer wieder, spezielle Klangeffekte zu erzeugen, die in der perfekten Akustik des Raumes besonders schön zur Geltung kamen. Ein paar Hits standen trotzdem auf dem Programm, allen voran der «Sohn vom Pfarrer», der auch 20 Jahre nach Sinas Mundartdebüt nichts von seinem Charme eingebüsst hat. «Wenn nit jetzt, wänn dänn» groovte auch in der reduzierten Version, die Ballade «Ich schwöru» bescherte auch ohne CD-­Duettpartner Büne Huber Hühnerhautmomente. Am spannendsten geriet das Konzert, wenn abseits von sattsam bekannten Pop-Trampelpfaden musiziert wurde, wenn die Miniband behände zwischen Chanson, Jazz und Soul hin und her sprang und Sina die ganze Bandbreite ihres stimmlichen Könnens offenbarte. Mit einer Leichtigkeit, die wirkte, als würde die Band im Wohnzimmer proben und Zeit und Raum vergessen. Das war grosses Ohren- und Kopfkino. Und Balsam für die Seele.

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