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Italien am absoluten Tiefpunkt

Nach dem Debakel der Nationalmannschaft wird in Italien die Reformation des «Calcio» an Haupt und Gliedern gefordert.

Zuerst Spanien, dann England und schliesslich auch noch Italien. Drei europäische Ex-Weltmeister mussten Südamerika schon nach der Vorrunde verlassen. Die Italiener und die Engländer scheiterten in einer Gruppe, gegen Uruguay und Costa Rica, die zusammen nicht einmal so viele Einwohner hätten wie die Lombardei, wie die «Gazzetta dello Sport» feststellte. Es passte zu diesem tristen Tag für den italienischen Fussball, dass aus Rom auch noch die Kunde kam, Ciro Esposito sei gestorben. Der 27-jährige Fan Napolis sei den Schussverletzungen erlegen, die er vor sieben Wochen bei Ausschreitungen vor dem Cupfinal gegen Fiorentina erlitten hatte – angeschossen durch einen Römer Ultra. Der sitzt nun im Gefängnis.

Der Calcio hat in mancher Beziehung einen Tiefpunkt erreicht. Er ist so tief gesunken wie nie mehr seit den Sechzigerjahren, der höchsten Zeit des Catenaccio, als die Squadra azzurra an der WM 1966 in England gar von Nordkoreanern heimgeschickt wurde. Damals reagierte der Verband, indem er eine Ausländersperre verfügte. Knapp anderthalb Jahrzehnte durften die Klubs keine neuen Ausländer verpflichten.

Sogar Prandelli enttäuscht

Kein Wunder, fordern die Kritiker nach dem Debakel in Brasilien eine Reformation des italienischen Fussballs an Haupt und Gliedern, nach diesem zweiten WM-Out in Folge schon nach der Gruppenphase. Verbandspräsident Giancarlo Abete hat ja auch schon Platz gemacht, für ihn könnte Vizepräsident Demetrio Albertini nachrücken, der immerhin Nationalspieler war. Die grösste Enttäuschung aber war, dass nicht mal mehr auf Cesare Prandelli Verlass war. Unter ihm hatte die Nationalmannschaft eine sehr gute EM 2012 gespielt. Sein vor allem auch durch soziale Kompetenz und menschliche Fairness geprägtes Auftreten hatte ihn zum Hoffnungs- und Sympathieträger eines ganzen Landes gemacht. Aber jetzt stürzten die Italiener auch mit ihm ab, war das Stärkste an ihm, wie er als Verlierer dem gegnerischen Coach gratulierte und kurz nach Spielschluss mit dem gemeinsamen Rücktritt mit dem Präsidenten die Verantwortung dafür übernahm, «dass mein Projekt kein Siegerprojekt war».

Prandelli musste einige Kritiken hören. Sein Zögern bei der Auswahl des Kaders; seine von WM-Spiel zu WM-Spiel wechselnden taktischen Massnahmen, seine Spielerwechsel wurden ihm vorgeworfen. Und natürlich vor allem, so bedingungslos auf den umstrittenen Wunderknaben Mario Balotelli gesetzt zu haben. Ausgerechnet unter Prandelli ist Italien nach dem sehr ordentlichen Start mit dem 2:1 gegen die Engländer wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, hat es gegen Costa Rica und gegen Uruguay nur auf jenen Punkt gespielt, der ihm statistisch gereicht hätte. Aber dann reichte den «kleinen» Mittelamerikanern ein Tor und den doch etwas grösseren Südamerikanern auch eines – während Italien in 180 Minuten keinen ernst zu nehmenden Schuss aufs Tor brachte.

Harte Worte der «Alten»

Natürlich war gegen Uruguay das Pech dabei, dass der ausgesprochene Platzverweis für Claudio Marchisio übertrieben hart wirkte und der nicht ausgesprochene Platzverweis für Luis Suarez eine Fehlleistung des Schiedsrichtertrios war. In erster Instanz hat sich Prandelli dar­über beklagt, später aber auch deutlich gemacht, die Gründe für die Niederlage lägen anderswo. Sein Captain, Torhüter Gianluigi Buffon (36), war dann schon klarer: «Man kann nicht immer anderen die Schuld geben», sagte der. «Wir sind hier der harten Realität begegnet – der einer Mannschaft, die in zwei Spielen kein Tor geschossen hat und verdient ausgeschieden ist.»

Danach ging Buffon noch etwas tiefer und lieferte Einblick, wie die Älteren im Kader die Dinge sehen. «Oft hört man ja», sagte Buffon also, «dass es Ersatz für die Alten braucht, für Buffon, Pirlo, De Rossi, Chiellini und Barzagli. Aber wenn es dann gilt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, stehen diese Alten immer in der ersten Reihe. Auf dem Platz gilt es, da reicht kein ‹möglicherweise› und kein ‹vielleicht›. Da sieht man, wer da ist. Und wer nicht.»

Jedes Komma des Captains sei zu unterstreichen, liess dann der gegen Uruguay ausgefallene Römer Daniele De Rossi (31) wissen: «Wir müssen alles gut im Gedächtnis behalten und dann mit den echten Männern wieder anfangen. Nicht mit den Figuren und Figürchen.» Kein Zweifel, eine dieser «Figuren» oder, eher noch, «Figürchen» ist Balotelli. An ihm scheiden sich die Geister. Mal wird er gefeiert, wie vor zwei Jahren, als er den EM-Final gegen die Deutschen mit seinen zwei Toren entschied. Mal wird er verdammt wie jetzt, als er seinem Siegestor gegen England nichts mehr folgen liess. In der zweiten Halbzeit gegen Uruguay war er nicht mal mehr auf dem Platz. Nach 45 Minuten, in denen er nie aufs Tor geschossen hatte, ausgewechselt, weil er nach einer ersten der zweiten Gelben gefährlich nahe war.

Balotelli – allein im Bus

Irgendwie bezeichnend war am Ende dies: Alle Italiener warteten in der Kabine auf ihren 36-jährigen Altmeister Andrea Pirlo, der nach seinem 112. und letzten Länderspiel zur Dopingkontrolle aufgeboten worden war und zu seinem Abschied noch etwas sagen wollte. Alle – ausser einem: Balotelli sass schon im Bus, die obligaten Kopfhörer über den Ohren. Prandellis Nachfolger wird als Erstes den «Fall» Balotelli angehen müssen. Zeit hat er nicht viel, am 9. September starten die Azzurri in Norwegen zur EM-Qualifikation.

Die Favoriten sind Roberto Mancini (50), zuletzt bei Galatasaray Istanbul, vorher bei Manchester City, und Massimiliano Allegri (47), im Januar bei Milan abgelöst. Beide sind frei und beide haben Erfahrung mit dem Spieler Balotelli … Über den sagt die «Gazzetta» übrigens, er sei nicht der Schuldige am Misserfolg in Brasilien, aber das klassische Beispiel eines überschätzten Spielers. hjs

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