Winterthur

«Viele dachten, wir seien ein Puff»

Mitten in der Altstadt steht ein Haus, das anders ist als die anderen: rote Leuchtherzen vor blinden Fenstern. Das Red House ist die letzte Striptease-Bar der Stadt. Am Samstag schliesst sie, nach 40 Jahren. Wirtin Chou-Chou erklärt warum.

«Wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, habe ich immer gesagt: Ich bin Wirtin. Es stimmt ja auch. Das Red House habe ich 1984 übernommen.

Ich war zuvor als junge Frau aus dem Welschland nach Winterthur gekommen um Deutsch zu lernen. Dann ging ich nach Lausanne zurück für die Wirteschule, und kaum hatte ich mein Patent, bot mir mein früherer Chef an, das Red House zu übernehmen. Komisch kam mir das nie vor – es war ein gut laufendes Lokal in der Altstadt, seit sieben Jahren offen, mit viel Kundschaft. Meine Familie hatte kein Problem damit, dass ich ein Cabaret führe.

«Nennen Sie mich Chou-Chou. Unter diesem Namen kennt mich die halbe Stadt.»

Ich habe mich nie für meinen Beruf geschämt. Aber ich wohne in einem kleinen Dorf, darum möchte ich meinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Nennen Sie mich lieber Chou-Chou. Unter diesem Namen kennt mich sowieso die halbe Stadt.

Die Anfänge in den Achtzigern und Neunzigern waren goldene Jahre. An manchen Abenden standen die Männer in Dreierreihe um die Bar. Lange Zeit haben wir unter der Woche schon um 14 Uhr aufgemacht. Geschäftsleute kamen in der Pause auf ein Bier vorbei. Natürlich wurde in der Stadt getuschelt. Manche Kunden liefen erst am Eingang vorbei, die Steinberggasse hoch. Wenn sie sahen, dass die Luft rein war, keine Bekannten in Sicht, kehrten sie um und traten ein. Und manchmal sagte einer: Da drüben, sitzt mein Nachbar, kann ich einen anderen Tisch haben?

An der Einrichtung hat sich seit 40 Jahren wenig geändert. Die roten Wandteppiche sind noch die gleichen. Die roten Samtvorhänge habe ich einmal durch identische ausgetauscht. Ja, der Name Red House passte – darum blieb auch die Leuchtreklame dieselbe. Sogar die Barstühle sind Original. Wenn sie wackelten, haben wir die Schrauben angezogen. Okay, den Diaprojektor haben wir vor zehn Jahren durch einen Beamer ersetzt.

«Manche Männer liefen erst am Eingang vorbei. Wenn sie sahen, dass die Luft rein war, kehrten sie um und traten ein.»

Gewechselt haben vor allem die Mädchen. Jeden Monat kamen neue. Wir hatten immer Latinas, aus der Dominikanischen Republik oder aus Brasilien. Es gibt Agenturen, die das vermittelt haben. Die Frauen blieben etwa acht Monate in der Schweiz und machten dabei die Runde durch verschiedene Etablissements, teils bis nach Glarus. Sie haben im Haus gewohnt, im oberen Stock gibt es drei Zimmer.

Ich kann nur wenig Spanisch oder Portugiesisch, aber mit meinem Französisch konnten wir uns immer irgendwie verständigen. Es war familiär, wir haben jeden Abend gekocht, mal ich, mal die Mädchen. Es war alles in allem eine schöne Zeit.

Manche denken, das Red House war ein Puff. Das stimmt nicht. Ich bezahlte die Frauen fürs Tanzen und dafür, dass sie sich zu den Männern setzten und mit ihnen redeten. Zwischendurch aufs Zimmer verschwinden, das hätte nicht funktioniert – schliesslich mussten sie ja jede halbe Stunde wieder tanzen. Wenn eine doch einen Kunden sympathisch fand und nach Feierabend aufs Zimmer nahm, war das ihre Privatsache. Ich verdiente an den Getränken und sonst an nichts.

«Wir waren kein Puff. Ich verdiente an den Getränken und sonst an nichts.»

Ich habe nie geheiratet. Und auch in der Bar brauchte ich keinen männlichen Aufpasser. Die Kunden wussten sich zu benehmen. Wobei, einmal musste ich in den Notfall. Es war nachts um zwei und ein Mann kam rein und suchte Streit mit einem meiner Stammgäste. Ich sagte, er müsse gehen. Dann zog er mir eine Champagnerflasche über den Kopf. Ich brauchte 17 Stiche.

33 Jahre ist eine lange Zeit. Die Männer haben sich nicht geändert. Älter sind sie geworden. Geändert hat sich das Geschäft. Etwa um die Jahrtausendwende wurde es immer weniger. Wir merkten die strengen Promillegrenzen. Früher hatten wir Stammkunden aus Bülach, die kamen nicht mehr. Auch das Rauchverbot hat uns geschadet. Wir haben im Innenhof ein Zelt aufgestellt. Niemand wäre freiwillig zum Rauchen auf die Steinberggasse, wo einen alle sehen.

Seit 2015 ist unser Geschäft noch schwieriger geworden, weil das Tänzerinnenstatut abgeschafft wurde. Ich konnte mir mit Bekannten behelfen, die den B- oder C-Status haben, oder einen spanischen Pass.

Ich bin jetzt 65. Vor acht Jahren hatte ich zwei Knieoperationen, seitdem kann ich nicht mehr lange stehen. Die letzten zehn Jahre hat mir meine Mitarbeiterin Lusilla viel geholfen. 2017 lief mein Mietvertrag aus, darum sagte ich mir schon lange, dann höre ich auf. Auch wenn ich zehn Jahre jünger wäre, hätte ich nicht weitergemacht. Das Red House passt nicht mehr in diese Zeit. Am Freitag und Samstag gibt es eine Ustrinkete, dann ist fertig. Ein Souvenir werde ich nicht behalten – was auch?

Das Red House war das erste Cabaret in dieser Stadt. Jetzt ist es das letzte. Danach wird umgebaut. Der Hausbesitzer hat es mir erklärt. Eine Art Café oder Bäckerei, wo man Kekse essen kann. In Zürich gibt es schon drei Stück davon, glaube ich.»

(Der Landbote)

Erstellt: 20.03.2018, 16:36 Uhr

«Eine Ära geht zu Ende»

Grazia Aurora ist Sozialarbeiterin bei Isla Victoria, einer Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen. "Mit dem Red House haben wir über viele Jahre sehr gut zusammengearbeitet", sagt sie. "Unsere Beratungen wurden sowohl von den Tänzerinnen als auch von der Betreiberin geschätzt. Die Tänzerinnen wurden fair behandelt und konnten sogar vor Ort am Isla Victoria Deutschkurs teilnehmen."

Aurora sagt, sie fühle sich fast wehmütig: "Das letzte Cabaret schliesst. Eine Ära geht zu Ende." In Cabarets konnten Frauen als Tänzerinnen arbeiten, ohne sich prostituieren zu müssen. Diese Möglichkeit bieten Kontaktbars, Erotiksalons und luxuriöse Grossbordelle leider nicht mehr. Beatrice Bänninger, Geschäftsführerin von Isla Victoria findet diese Entwicklung bedauerlich und betont, "die Arbeit von Isla Victoria war noch nie so wichtig wie heute."

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