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Ja, ich bin eine Diva, und zwar zu einhundert Prozent

Für ihr neues Album «St. Petersburg» hat die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli verschollene Libretti aus dem russischen Zarenreich des 18. Jahrhunderts eingesungen. Und dafür ist sie sogar mit einem Eisbrecher gefahren.

Auf dem Flur des Mozarteums in Salzburg ist Musik zu hören. Eine Türe öffnet sich, und Cecilia Bartoli streckt den Kopf heraus. Die Italienerin empfängt im eleganten blauen Nadelstreifenanzug, dezent geschminkt und mit passender Sonnenbrille. Während des Interviews sprüht Bartoli vor Energie, die sich oft in einem herzlichen Lacher entlädt und verdeutlicht, mit welcher Begeisterung sie ihre Projekte verfolgt. Frau Bartoli, was hat Sie nach Russland geführt? Cecilia Bartoli: Viele italienische Komponisten des Barocks arbeiteten im Ausland. Als ich sah, dass viele von ihnen nach Russland gingen, habe ich mich gefragt: Wenn die historischen Anfänge der russischen Oper um 1830 angesetzt werden, was machen dann diese ‹poveri matti›, diese Verrückten, bereits im 18. Jahrhundert dort? Was haben Sie herausgefunden? Sie wurden von den Zarinnen an den Hof eingeladen, wo sie ihnen dann jedes Jahr eine Oper zum Geburtstag geschrieben haben. Als ich diese fantastischen Partituren fand, war klar, dass ich ein Projekt dazu machen musste. Wie hat man sich das vorzustellen: Cecilia Bartoli geht nach Russland und findet mal eben bedeutende Unterlagen im Archiv des Mariinsky-Theaters? So leicht war es nicht. Das Archiv hatte eine Art Exklusivrecht für Restaurierungsarbeiten an die Bibliothek von Washington übertragen. Dies machte es lange Zeit unmöglich, das Material überhaupt zu sichten. Klingt nach Schwierigkeiten … Ja, ich musste mehrmals nach St. Petersburg gehen, bevor ich Zugang zum Archiv erhielt. Zweimal bin ich sogar mit dem Eisbrecher von Lübeck aus über den Wasserweg angereist. Mit dem Eisbrecher? Ja, ich fliege nicht besonders gern. Und ehrlich, das war eine fantastische Erfahrung! Als wir mit dem Schiff übers Meer gefahren sind und das Eis brach (gestikuliert wild mit den Armen, um das Aufbrechen der Eisschicht zu simulieren), also das war ein Abenteuer. Ich bin in St. Petersburg angekommen wie früher die Entdecker. Was hat Sie bei Ihrer Arbeit im Archiv am meisten überrascht? Die Musik von italienischen Komponisten zu studieren und zu entdecken, dass viele Arien von einer ernsten, nostalgischen, dramatischen Klangfarbe sind. Weshalb ist das ungewöhnlich? In Italien gab es diese Musik nicht. Denkt man an die neapolitanische Musik im Barock, sind da oft die grossen Koloratur-Arien mit Gesängen wie Feuerwerken. In den Kompositionen aus dem Mariinsky-Archiv hingegen dominieren schöne, langsame Arien. Sie entsprechen schon dem russischen Geist, obwohl sie von Italienern geschrieben worden sind. Wäre es angesichts dieses russischen Einflusses nicht naheliegend gewesen, die CD mit einem russischen Orchester zu vertonen anstatt mit Dirigent Diego Fasolis und I Barocchisti? Die Musiker, die am Hof der Zaren gespielt haben, waren ebenfalls Italiener. Ich würde gerne mal mit russischen Musikern ­zusammenarbeiten, und Material dazu gibt es nicht nur für eine weitere CD, sondern für mindestens hundert (lacht). Aber für ­Maestro Diego Fasolis und sein Orchester hege ich sehr grossen Respekt, deshalb wollte ich sie ­haben. Welchen Eindruck haben Sie von den Zarinnen Anna, Elisabeth und Katharina erhalten? Dass sie sehr avantgardistisch gedacht und mit ihren Bemühungen zum kulturellen Austausch viel für die Musik und deren neue Formen getan haben. Auch Zarin Katharina die Grosse hat einige Libretti verfasst. Was halten Sie von ihren Werken? Vielleicht könnte man einen Anhang im Booklet dazu machen (lacht). Nein, die Arme. Sie hat auch einen schönen Marsch geschrieben. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, den auf CD packen zu müssen, aber Hut ab! Es gibt heutzutage nicht mehr viele Politikerinnen, die dazu fähig wären. Fragen wir doch mal Angela Merkel, ob sie uns einen Marsch schreibt (kriegt einen Lachanfall). Werden wir nun auch mal ein Libretto von Ihnen zu lesen kriegen? Nein, so etwas wird es nicht ­geben. Auf dem Album «St. Petersburg» singen Sie zum ersten Mal zwei Arien auf Russisch. Sagen wir mal so: Die Sprache ist sehr schön, aber sie ist sehr schwierig, weil es Laute gibt, die wir im Italienischen nicht kennen. Also musste ich viel durch Nachahmung lernen. Zum Glück sagte meine Lehrerin dann, dass es bei mir zumindest noch Hoffnung gibt. Man nennt Sie eine Diva. Ich sage oft: Du bist Diva? Ich habe keine Zeit dafür (lacht). Ich habe keine Zeit, und es ist auch nicht mein Charakter. Wenn also eine Diva zu sein heisst, schöne Projekte zu machen: Ja, dann bin ich eine Diva, und zwar zu einhundert Prozent (nimmt sich einen Schokoladenkeks). Wie wichtig ist für Sie Werktreue? Die Musik eines Komponisten muss in seinem Sinne präsentiert werden. Von dort sollten wir unsere Inspiration holen. Natürlich hat jeder Künstler die Möglichkeit, eine eigene Interpretation dieser Musik zu entwickeln, aber immer mit dem grossen Respekt für die Partitur. Das Publikum kann einen Interpreten dann lieben oder nicht lieben. Aber wir müssen immer neue Visionen aus der Musik eines Komponisten kreieren. Im Grunde machen Sänger mit ihrer Stimme die Farben der Musik erst sichtbar. Welche Opernrolle möchten Sie unbedingt noch verkörpern? (Überlegt lange.) Es ist sehr schwierig, diese Frage zu beantworten. Zum einen bin ich vom Sternzeichen her Zwilling. Das heisst, ein Zwilling möchte jeweils eine Sache, der andere etwas anderes. So eine Rolle zu finden, die beiden entspricht, ist schon mal schwierig (lacht). Dann kommt noch hinzu, dass ich vom Charakter her ein Chamäleon bin. Heute sage ich Ihnen, ich wäre gerne die Carmen, aber vielleicht spiele ich schon morgen lieber eine Greisin. Nach einer halben Stunde unterbricht Bartolis Managerin das Gespräch. Bei der Verabschiedung entwischt der Wahlschweizerin ein zürichdeutsches «Uf Widerluege» mit breitem italienischem Akzent. «Schweizerdeutsch ist fast so schwierig wie Russisch», sagt sie und lacht.Cecilia Bartoli: «St. Petersburg», mit Diego Fasolis’ I Barocchisti, Universal Music.

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