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Jahrhunderttalent greift nach den Sternen

Der Thurgauer Kariem Hussein steigt heute Abend als Mitfavorit ins EM-Rennen über 400 m Hürden.

«Zeit zum Träumen, nein. Nicht jetzt», hielt Kariem Hussein beim Start in die EM-Woche fest. Mit «die mögliche Leistung abliefern, das von mir Verlangte erfüllen», umschrieb der 25-jährige Thurgauer aus Tägerwilen, was er nun tun wolle. Oder auf einen einfachen Nenner gebracht: in den EM-Final vorstossen. Dann, so sagte er, «dann kann ich anfangen zu träumen».

Zusammen mit den sieben weiteren EM-Finalisten wird Kariem Hussein heute Abend im Final laufen. Vom Träumen sprach Hussein aber auch am Vortag bei einem Medientreffen im Schweizer Teamhotel in Regensdorf nicht. Aber er sagte: «In diesem Final ist alles möglich.» Eine Topleistung strebt er an, ein taktisch kluges, rhythmisches Rennen, bei dem er auf den letzten 150 m mit den Hürden 8, 9 und 10 noch über Kraft verfügt, um an den Widersachern vorbeizuziehen, ihnen möglichst allen den Meister zu zeigen. Bereits eindrücklich geglückt ist ihm dies in den ersten beiden Runden, je mit einem Seriensieg.

Dass sich Hussein nicht in die vordersten Favoritenpositionen geschoben hat, hängt mit dem Halbfinal von vorgestern zusammen. Wegen eines Misstritts kam er auf der ersten Streckenhälfte nicht wunschgemäss in Fahrt. Bei 23,80 Sekunden passierte er nach 200 m. Eine halbe Sekunde langsamer ist dies als zuletzt, beinahe eine Sekunde schneller ist er auch schon angegangen.

Hussein aber hatte sich durch das Ausserplanmässige nicht irritieren lassen und legte eine perfekte zweite Streckenhälfte zu seinen 49,18 auf die Bahn. «Eine Differenz von 1,44 Sekunden für die beiden Abschnitte, das ist absolute Weltklasse», sagte Trainer Flavio Zberg, «das zeigt, dass Kariem völlig unterschiedlichen Renngestaltungen gewachsen ist.»

Fussball-Vergangenheit

Diese Fähigkeit deutet auf das Talent. Ein Talent, wie es dem Chef Leistungssport von Swiss Athletics, Peter Haas, zuvor kaum je begegnet ist. Und ein Talent, das den Aufstieg in die europäische Elite innert nur fünf Jahren möglich machte. Hussein spielte nämlich bis 19 Fussball mit Perspektiven. Hätte er aber weiterkommen wollen, wäre von ihm ein kompromissloses Setzen auf den Fussball nötig geworden. Das wollte er nicht. Nach der Matura steuerte er vielmehr das anspruchsvolle Medizinstudium an. Und weil er bei den Mittelschulmeisterschaften u.a. 2,01 m im Hochsprung übersprungen hatte, zeigte sich plötzlich eine Alternative: die Leichtathletik.

Werner Dietrich, der einstige Förderer von Kugelstoss-Mehrfach-Weltmeister Werner Günthör, nahm sich Neu-Leichtathlet Hussein an. 2008 war das, und der 19-Jährige hatte eine fixe Idee: den Zehnkampf. In der Folge brachte es etliche Stunden, Diskussionen und Argumente, um Hussein von diesem, ebenfalls kaum mit einem Medizinstudium zu verbindenden Weg abzubringen und ihm die lange Hürdenstrecke schmackhaft zu machen.

Peter Haas, früher selbst auf diese Distanz spezialisiert, nahm sich ihm persönlich an, obwohl ihm dies in seiner Funktion bei Swiss Athletics kaum möglich schien. Doch er war derart beeindruckt bezüglich Talent, körperlicher Voraussetzungen, mentaler Fähigkeiten, Willen, Zielorientiertheit, langer Beine und koordinativer Voraussetzungen. Während der drei ersten Studienjahre in Fribourg nahm sich Haas dem Juwel an – in einer speziellen Doppelfunktion als Funktionär für den Verband und Coach für das Talent.

Steiler Aufstieg

Hoffnungen erfüllten sich. Die Leistungen Husseins verbesserten sich markant. Von 52,33 (2009), über 51,62, 50,09 auf 49,62 im 2012 ging es aufwärts. Hussein qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in London, wobei er wegen eines Ermüdungsbruches Forfait erklären musste. Selbstkritisch hält Haas heute fest: «Anfangs ist es fast zu schnell aufwärts gegangen.»

Seit Hussein fürs Studium nach Zürich gezogen ist, kümmert sich Hürden-Nationaltrainer Flavio Zberg um ihn. Professionell. In jedem Training leitet er an und bringt die in dieser technisch komplexen Disziplin wichtige Aussensicht ein. Und es ging weiter aufwärts, vor allem in dieser Saison. 49,08, 49,16, 49,24, 49,33, 49,38 Sekunden, so die bis jetzt fünf besten Werte: eine Topkonstanz, welche die Fortschritte unterstreicht. Was noch fehlt, ist der Ausreisser nach oben oder wie es Hussein formuliert: «Ein Rennen, bei dem alles zusammenpasst.» Und zur Einordnung: Schneller gelaufen ist in der Schweiz bisher einzig Marcel Schelbert (48,14). Mit jener Leistung gewann der Zürcher 1999 WM-Bronze.

Und jetzt also der Final für Hussein: Vier Widersacher sind in dieser Saison schon schneller gelaufen: Rasmus Mägi (Est/48,54), Timofey Chalyy (Rus/48,69), Denis Kurdryavtev (Rus/48,95), Franz Felix (D/48,96). Oskari Mörö (Fin) weist genau die gleiche Zeit wie Hussein auf – 49,08 Sekunden. Und Varg Königsmark (D/49/12) und Emir Bekric (Srb /49,21) liegen nur wenig zurück. Spannung ist also garantiert und Hussein darf träumen. Jörg Greb

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