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«Jede vierte Frau kehrt wieder zum Partner zurück»

Frauen, die akut durch Gewalt gefährdet sind, finden im Frauenhaus Winterthur einen Zufluchtsort. Eva Kurmann und Ilona Swoboda erzählen, was Frauen zur Flucht bewegt.

Der Standort des Frauenhauses wird geheim gehalten. Hat noch nie ein Mann seine Frau bei Ihnen aufgespürt? Ilona Swoboda*: Doch. Es kommt immer wieder vor, dass ein gewalttätiger Partner herausfindet, wo sich seine Frau aufhält. Oftmals meldet er sich dann bei ihr oder ruft sogar direkt im Frauenhaus an. Manchmal werden wir auch von der Polizei gewarnt. Aus Sicherheitsgründen wird dann die Frau sofort umplatziert. Eva Kurmann*: Es gibt auch immer wieder Stellen, die den Aufenthaltsort aus Versehen weitergeben. Meist ist den Leuten nicht bewusst, dass ein besorgt wirkender Ehemann eine Gefahr für seine Frau sein kann. Deshalb ist es wichtig, dass der Standort nicht öffentlich kommuniziert wird. Ein gewalttätiger Partner fällt dem Umfeld nicht auf? Kurmann: Ein Gewalttäter ist nicht einfach das Böse in persona. Seine Persönlichkeit hat auch gesunde Anteile. Er ist ein Mensch wie Sie und ich. Swoboda: Gewaltpotenzial sieht man einer Person nicht an. Ein nach aussen nett wirkender Ehemann kann im häuslichen Bereich eine Gefahr darstellen. Aus Erfahrung wissen wir, dass durch eine Trennung das Gewaltpotenzial noch zunimmt. Es kommt nie häufiger zu Tötungsdelikten als in dieser Beziehungsphase. Wie findet eine Frau in Not das Frauenhaus? Swoboda: Die Telefonnummer des Frauenhauses ist öffentlich. Viele Betroffene rufen uns in einer Krisensi­tua­tion an, weil sie nicht mehr weiterwissen. Manchmal kontaktiert uns aber auch eine Beratungsstelle und vermittelt uns die gefährdete Frau. Kurmann: Am Telefon klären wir die Si­tua­tion ab. Zeigt sich, dass die Frau tatsächlich in akuter Gefahr ist, bitten wir sie, das Nötigste einzupacken und mit den Kindern nach Winterthur zu reisen. Sind Kinder zu Hause nicht ­besser aufgehoben? Swoboda: Auch Kinder können durch einen gewalttätigen Elternteil gefährdet sein. Ihre Betreuung spielt eine grosse Rolle und wurde in den letzten Jahren professionalisiert. Ausserdem hält es keine Frau aus, von ihren Kindern getrennt zu sein. Rufen die Kinder unter Tränen an, geht die Frau mit Sicherheit zu ihrem ­gewalttätigen Partner zurück. Weisen Sie auch Frauen ab? Swoboda: Ja. Wenn das Frauenhaus voll ist oder wenn die Frau keiner Gefahr ausgesetzt ist. Seelische Grausamkeit beispielsweise reicht als Aufenthaltsgrund nicht aus. Kurmann: Es muss grundsätzlich ein Straftatbestand erfüllt sein. Die Frauen, welche sich an uns wenden, haben aber meist eine lange Gewaltgeschichte hinter sich und wurden über Monate oder Jahre von ihren Partnern misshandelt. Ein paar Ohrfeigen oder Beleidigungen reichen demnach nicht aus, um einen Platz im Frauenhaus zu bekommen? Swoboda: In solchen Si­tua­tio­nen gibt es andere Anlaufstellen, wie ambulante Beratungen. Meist sind solche Vorfälle aber auch noch kein Grund für eine Flucht von zu Hause. Kurmann: Wir haben im Alltag mit schweren Fällen zu tun, die eine akute Bedrohung für die Frau darstellen. Das hat seit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes sogar noch zugenommen. Das Gewaltschutzgesetz führt zu mehr Gewalt? Swoboda: Nein. Seit dem Gesetz kann die Polizei selbst Gewaltschutzmassnahmen anwenden, wie etwa den Partner für zwei Wochen aus der Wohnung zu weisen. In dieser Zeit wird die Frau dann von der Opferhilfe kontaktiert und erhält Unterstützung. Bei leichteren Fällen können solche Massnahmen ausreichen. Kurmann: Es kann aber auch sein, dass sich ein Partner nicht an das Verbot hält und die Si­tua­tion sich noch verschärft. Dann kommen die Frauen zum Schutz zu uns. Was geschieht, wenn eine Frau das Haus verlässt? Swoboda: Für viele ist es schwer, im Leben wieder Fuss zu fassen. Auch weil sich die Wohnungs­suche als schwierig herausstellt. Wir versuchen aber mit ihnen ein Netzwerk aufzubauen, sodass sie verschiedene Anlaufstellen haben. Trotzdem schaffen es nicht alle, selbstständig zu leben. Jede vierte Frau kehrt wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurück. Kurmann: Das liegt auch daran, dass die Frauen heute viel weniger lange bei uns bleiben als früher. Manchmal hat die Aufenthaltszeit nicht ausgereicht, um ihnen die nötige Stabilität zu geben. Die Fälle werden schlimmer und die Aufenthaltsdauer kürzer? Das ist doch ein Widerspruch. Kurmann: Genau. Aber der Kostendruck der Gemeinden und Städte nimmt zu. Eine Frau soll nur noch so lange im Frauenhaus bleiben, wie sie in einer gefährdeten Si­tua­tion ist. Darüber lässt sich mit den Ämtern diskutieren. Swoboda: Wir lancieren deshalb selbst ein Projekt zur Nachbetreuung der Frauen, das komplett aus Spenden finanziert wird. Wir wollen die Frauen auch nach dem Austritt mit Hausbesuchen unterstützen und hoffen so verhindern zu können, dass sie aus Überforderung wieder zu ihrem gewalt­tätigen Mann zurückkehren. *Eva Kurmann und Ilona Swoboda sind Co-Leiterinnen des Frauenhauses Winterthur. * Eva Kurmann und Ilona Swoboda sind Co-Leiterinnen des Frauenhauses Winterthur.

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