Zum Hauptinhalt springen

«Jeder meint, Experte für Familie zu sein»

Die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm rät Eltern, gelassener zu werden und nicht sofort in einen Ratgeber zu schauen, wenn das Kind sich anders verhält als erwartet.

Sie sind Professorin, haben zwei erwachsene Kinder. Wie wurden diese betreut, während Sie ar­bei­te­ten?Margrit Stamm*: Ich bin einen klassisch-traditionellen Bildungsweg gegangen: Berufsausbildung, Familienphase, Studium. Ich war erst Lehrerin, blieb dann acht Jahre zu Hause. Mit 35 habe ich begonnen zu studieren. Die Betreuungsfrage lösten wir so: Mein Mann eröffnete in Aarau als junger Arzt eine Praxis und hatte somit die Möglichkeit, flexibler zu arbeiten. Am Mittwochnachmittag machte er frei, führte Abendsprechstunden ein und übernahm den Mittag. Wir hatten auch eine Frau, die hin und wieder schaute. So konnten wir die Kinder gut betreuen. Sie waren damals fünf und acht Jahre alt. Als ich fertig war mit dem Studium, waren sie zehn und dreizehn.

Wie sind Sie ge­gen­über Krippen eingestellt?

Eigentlich sehr positiv. Immer vor dem Hintergrund der Qualität einer Krippe. Ich denke aber, dass das familiäre Fundament enorm wichtig ist. Ebenso die Bindung zu primären Bezugspersonen. Das ist in der Regel die Mutter oder der Vater. Die Krippe ist als Ergänzungsleistung zu verstehen. Das Thema Bindung wird oft ignoriert. Dabei bildet Bindung die Grundlage dafür, Selbstbewusstsein, Sicherheit und Autonomie aufzubauen. Das gibt einen sicheren Hafen, in dem sich ein Kind entwickeln kann, und eine gute Grundlage für den späteren Schuleintritt. Heute dreht sich die Diskussion oft nur darum, dass es möglichst viele Krippenplätze geben muss und dass die Frauen möglichst rasch wieder arbeiten gehen können. Dass das Fundament der Bindung ganz zentral für die Bildung ist, wird oft vernachlässigt.

Wo zeigt sich das?

Es wird gar nicht diskutiert. In der ganzen Literatur steht nie etwas über die Bindung zwischen Eltern und Kindern. Immer wieder lese ich von den Bedürfnissen der Eltern und von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Bindung und damit das Emotionale ist kein Thema. Dabei höre ich oft von Müttern, dass sie sich unter Druck fühlen. Nach dem Mutterschaftsurlaub müssen sie sofort wieder arbeiten, obwohl sie denken, dass das Kind sie noch bräuchte. Die «coole Frau» ist die, die kurz nach der Geburt wieder im Büro steht. Dies allein gilt als emanzipiert. Kritisiert man das, denken alle, man sei gegen Fremdbetreuung.

Erhalten Sie oft Kritik von Frauen?

Selten. Meine differenzierte Botschaft wird meist verstanden. Meistens kritisieren mich Frauen oder auch Männer dann, wenn sie meine Artikel nicht ganz oder nicht genau lesen. Viele Rückmeldungen kommen von politisch rechter Seite. Wenn ich betone, wie wichtig die Familie ist, wird das oft als «Placet» für die Ansicht «Die Mutter gehört zum Kind» angesehen. In der Schweiz malt man gerne schwarz-weiss. War­um ist das so?Vor zwanzig Jahren galt es noch als selbstverständlich, dass die Mutter zur Familie gehört. Das ist nicht lange her. Ich wurde persönlich angefeindet, als ich mein Studium aufnahm. Heute ist es normal, dass Frauen studieren oder arbeiten – da hat eine enorme Entwicklung stattgefunden. Doch beim Thema Familie meint jeder, Experte zu sein und mitreden zu können. Dazu kommt, dass die Forschung nicht eindeutig ist. Es heisst nirgends: Krippen schaden nicht. Studien belegen nur dies: Wenn eine Krippe qualitativ hochstehend ist und ein Kind – entsprechend seinem Temperament – eine bestimmte angemessene Anzahl Stunden dort verbringt, leidet es in der Regel nicht.

Dennoch: Eltern müssen Geld verdienen und sind auf Krippen angewiesen.

Das denke ich auch. Ich glaube aber, dass nicht alle Kinder in der Krippe glücklich sind, so wie wir uns dies wünschen würden. Aber dar­über spricht man nicht. Denn würde man dies zugeben, müsste man etwas an der Si­tua­tion ändern. Eltern fehlt zudem oft ein intuitives Gefühl. Oft haben sie sich dieses Gefühl fast abtrainiert. Indem sie sofort in einen Erziehungsratgeber blicken, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Sie trauen sich nicht mehr, zu spüren, wie es ihrem Kind geht. Dabei merken Eltern eigentlich sehr schnell, wenn es sich schlecht fühlt und weshalb es psychosomatische Sym­pto­me entwickelt. Weshalb es etwa nicht mehr schläft, isst oder nicht mehr in die Krippe will. Dann sollte bei Eltern das Alarmsignal rot leuchten. Worauf kommt es an in einer Krippe?Gute Krippen erkennt man daran, dass die Erzieherinnen eine gute, feinfühlige Beziehung zu den Kindern pflegen. Es sollte kleine Gruppen und Konstanz beim Personal geben. Das vierte Merkmal ist die Eingewöhnung. Diese sollte so gut sein, dass sich das Kind von der Bezugserzieherin ohne Weiteres pflegen lässt, wenn die Mutter oder der Vater noch dabei ist. Was ist Ihrer Meinung nach das Ideal einer guten Kinderbetreuung?Ein zweijähriger Elternschaftsurlaub wäre ideal. Die Mutter müsste dann nicht arbeiten, das Paar könnte sich selber entscheiden, wie es diese Zeit aufteilen will. Im ersten Lebensjahr – das als das schwierigste und sensibelste gilt – wäre das Kind gut betreut und es könnte eine sichere Bindung entstehen. Das ist das Ideal – und Deutschland hat es geschafft. In der Schweiz sind wir noch weit entfernt davon.

Die Schweiz ist also etwas unflexibel. Was machen andere Länder besser?

In der Schweiz herrscht die Überzeugung, Kinder seien Privatsache. In anderen Ländern ist das Verständnis da, dass der Staat auch verantwortlich ist für die Familien und dass diese dem Staat sehr viel zurückgeben. In Deutschland, Frankreich, Kanada oder den nordischen Ländern ist es selbstverständlich, dass die Eltern arbeiten können, wenn sie das möchten.

Auch beim Thema Frühförderung schauen wir gerne ins Ausland. Was machen Eltern in Frankreich besser?

In Frankreich herrschen familienfreundliche Strukturen und das Land hat ein ganz anderes Kindesbild. Die Eltern bestimmen, und die Kinder machen mit: Das finde ich gut. Bei uns ist das Kind die Sonne, um die sich alles dreht. Wir gehen ins Familienabteil im Zug und in ein familienfreundliches Hotel. Die Kinder bestimmen viel: von der Feriendestination bis zum Menüplan. In Frankreich trauen sich die Eltern auch, einander ge­gen­überzusitzen und miteinander als Paar zu reden. Die Kinder werden früh kognitiv gefördert. Ungünstig ist, dass im Schulsystem bereits mit drei Jahren in Vorschulen Tests gemacht werden. Bei uns steht die emotionale Entfaltung im Vordergrund. Abgesehen von etwas musikalischer Frühförderung wird wenig intellektuell gefördert. In den letzten Jahren hat sich jedoch bei bildungsnahen Familien der Gedanke festgesetzt, je früher man ein Kind intellektuell fördere, umso besser entwickle es sich. Es gibt so etwas wie einen Hype. Den Kern dieser Entwicklung finde ich zwar gut, aber sie kann zu einem Drill führen.

Sie haben Begriffe wie «Überförderung» und «Bildungspanik» geprägt. Was heisst das?

«Überförderung» ist ein Trend, der sich bei bildungsnahen und wohlhabenden Familien zeigt. Weniger bei Migrantenfamilien – dort würde man sich oft wünschen, dass überhaupt ein Bewusstsein für familiäre Förderung entstehen würde. Doch der Trend ist da, und er basiert wahrscheinlich auf der Angst vieler Eltern, ihr Kind könnte in unserer leistungsorientierten Gesellschaft nicht bestehen. Deshalb versuchen sie alles aus ihrem Kind herauszuholen. Die Gefahr ist dabei die, dass Eltern oft eine bestimmte Vorstellung haben, wie das Kind sein sollte. Allgemein ist unsere Gesellschaft nicht mehr bereit, Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Damit verbunden ist eine ausgeprägte und verbreitete «Bildungspanik». Eltern sind oft schon früh davon überzeugt, ihr Kind müsse später unbedingt eine Matura machen. Folglich haben sie dann Mühe, zu akzeptieren, wenn ihr Kind vielleicht in Mathematik nicht so gut ist. Es wird sofort ins Lernstudio oder zum Therapeuten geschickt. Das finde ich sehr problematisch. Warum?Kinder spüren, dass sie den Eltern nur dann gefallen, wenn sie ihnen alles recht machen, wenn sie produktiv und in der Schule mindestens so gut oder erfolgreicher als die anderen sind. Das ist ein enormer Druck. Langfristig hat er sehr oft negative Folgen. Eine Elternkompetenz wäre es deshalb, mehr Gelassenheit zu entwickeln. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir ein ausgezeichnetes durchlässiges Schulsystem haben. Man kann etwa eine Berufs­leh-re mit Berufsmatura absolvieren und dann an einer Fachhochschule studieren. Eine solche Entwicklung ist für ­Eltern jedoch anstrengend. Denn oft müssen sie sich auch von Nachbarn oder Freunden emanzipieren, die ein Kind haben, das locker ins Gymi kommt.

Sie sagen, dass bildungsferne Kinder besser gefördert werden müssten. Wann ist für diese der Zug abgefahren?

Für viele ist der Zug im Kindergarten oder bei Schuleintritt bereits abgefahren. Solche Kinder müssten spätestens ab dem dritten Lebensjahr gefördert werden. Nur so könnten ihre Defizite minimiert werden. Allgemein ist die Problematik die, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten schnell negativ etikettiert und dar­über hinaus bemitleidet werden. Gerade Mitleid brauchen sie jedoch nicht, sondern vielmehr Lehrkräfte, die etwas von ihnen fordern und ihnen sagen: «Ich glaube an dich, du kannst das und ich helfe dir dabei.»

Können es Migranten doch schaffen?

Ja, auf jeden Fall. Zum einen diejenigen Kinder, die früh gefördert und dabei auch von einer engagierten und interessierten Familie unterstützt werden. Zum anderen die sogenannt «Resilienten». Das sind Kinder und Jugendliche, die zwar mit familiären Widrigkeiten konfrontiert werden, aber eine psychische Widerstandskraft entwickeln und in der Schule wider Erwarten erfolgreich sind. Wenn die Bedingungen stimmen, können sie es später bis an die Spitze eines Unternehmens schaffen. Solche Beispiele gibt es viele, sie sind nur zu wenig bekannt.

Wie viele Wolfgang Amadeus Mozarts gibt es pro Schule?

Statistisch gesehen: zwei Prozent. Wenn man aber schaut, wie viele Eltern ihre Kinder zu Mozarts machen wollen: vielleicht 20 Prozent. Echte Begabungen kann man jedoch gut von antrainierten «Begabungen» unterscheiden. Begabt sind Kinder, die in einem Bereich sehr kompetent sind und sich das Können selbst, ohne das Zutun der Eltern, angeeignet haben. Zudem können sie sich oft vollkommen darin verlieren und alles um sich herum vergessen.Interview: Elisabetta Antonelli*Margrit Stamm, 1950, ist emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften der Universität Fribourg. Seit Oktober 2012 leitet sie das Forschungsinstitut Swiss Education, das in der schweizerischen und der internationalen Bildungsforschung tätig ist. Zudem ist sie Gastprofessorin an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören etwa frühkindliche Bildungsforschung oder abweichendes Verhalten im Jugendalter.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch