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Jenseits von Tiefland

Zürich. Tanzen gegen Vorurteile. Constanza Macras zeigt zum Auftakt des Zürcher Theaterspektakels ihr Roma-Stück «Open for Everything». Auch sonst ist auf Seebühne und Landiwiese vieles noch im Fluss.

Ein alter Lada wird auf die Bühne gerollt. Der Kühlergrill ist aber von einem Mercedes, und die Stahlfelgen haben einen Goldanstrich. Fake ist auch das Logo auf dem braunen Lack – ein Auto im Romani-Design, auch mit den Zierkordeln an der Frontscheibe.

Das ist das Vehikel, mit der die argentinische Choreografin Constanza Macras ihr Stück «Open for Every­thing» in Bewegung bringt. Im Kofferraum scheinen so alle Vorstellungen zu sein, die wir heute über die Kultur der Roma haben. Aber schon mit dem ersten Lied, das das kleine Orchester auf der Bühne anstimmt, tönt alle Zigeunerromantik falsch: «Ach, ihr Roma, woher kommt ihr? Mit euren Zelten auf glücklichen Wegen.» Nichts ist hier mit Gucci-Folklore-Tand. Denn es sind andere Geschichten, die aus dem Lada herauspurzeln, sie erzählen vom Leben der Roma, wie es heute ist. Von Menschen, die keinen Ort mehr haben für sich selber.

In eigener Sache

Das Theater gibt ihnen jetzt ein Gehäus. Constanza Macras ist den Geschichten nachgegangen, auf ihrer Recherche auf den Spuren der Kultur der Roma heute. In Tschechien, Ungarn und der Slowakei hat sie Romafamilien besucht, mit den Menschen gesprochen, ihnen zugehört. Einige Roma hat sie für ihre Produktion ausgewählt: als Darsteller in eigener Sache. Zusammen mit Tänzerinnen und Tänzern von Macras’ Berliner Kompanie DorkyPark stehen sie nun auf der Bühne. Station macht die Produktion jetzt am Zürcher Theaterspektakel. Zuvor war «Open for Everything» schon in Wien, Berlin, Hamburg, Prag, Budapest zu sehen.

Es ist eine Begegnung mit ganz vielen Welten. Die sind die jungen Romamänner, die von ihren Erfahrungen erzählen: Ganz wohl fühlen sie sich nicht ihrer Haut, sie tanzen, als wollten sie aus dem Körper hinaus: Hip-Hop ist auch eine Befreiung aus der Tradition der Väter. Da sind die jungen Frauen, die früh geheiratet haben – und jetzt erzählen, wie ihnen die Männer abhandengekommen sind, wegen Drogen oder anderen Sachen – die urbane Gesellschaft kann auch ein Gefängnis sein. Und da ist das Mädchen, das Angst hat, dass nach der Rückkehr in die alten Verhältnisse von diesem Aufbruch nichts mehr bleibt. Theater ist immer ein gemeinsames Haus nur auf Zeit.

Alle Menschen, die hier auf der Bühne sind, nehmen teil an einer Inszenierung, in der es um den Platz im Leben geht. Wie schwierig es ist, diesen Ort zu finden, zeigt eine Tänzerin: Sie zwängt sich in einen viel zu kleinen Koffer hinein. Immer wieder übersetzen die Körper die Bewegung, die in den Geschichten ist: Sie winden sich auf der Bühne, prallen gegen die Wände, fallen – und werden wieder in die Höhe gehoben und gestützt. Und manchmal stecken die Menschen in Kleidern, die sie gar nicht mögen. Eine Leni-Rie­fenstahl-Nummer ist auch dabei über die Dreharbeiten zum Film «Tiefland», in dem Sinti und Roma das spanische Element verkörpern mussten – und dann in die Vernichtungsmaschinerie kamen. Ein Haufen solcher Stoff liegt auf der Bühne. Und manchmal schauen die Menschen auch einfach zu, was ihnen offiziell zum Thema Tradition und Klischee, Vermarktung und Verfolgung geboten wird. Wie der Bub, der lange Zeit ganz unbewegt in seinem schwarzen Aufzug bleibt, bis er seinen Auftritt hat. Dann tanzt er wie ein Wirbel: gegen alle Kunst, die sich ihm in den Weg stellt.

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