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Jugend verabschiedet sich von Gott

Glauben nach einem bestimmten Schema ist bei Jugendlichen out – zumindest in Europa. Spirituelle Erfahrungen dagegen sind nach wie vor gefragt. Der Trend hat nicht nur positive Auswirkungen.

«Ich glaube nicht an Gott», sagt der junge Mann geradeaus. «Wer gläubig ist, verpasst es, ganz unabhängig zu denken», findet der Schüler der Winterthurer Kantonsschule Büelrain. Etwas vager formuliert es seine Kollegin: «Vielleicht gibt es eine Art höhere Macht.» Spirituelle Erfahrungen könne sie sich auch anderswo holen, stellt eine andere Frau klar. Zum Beispiel in der Musik. Die drei jungen Leute im Film, der am Symposium zum 10-Jahr-Jubiläum des Sozialpädiatrischen Zen­trums gezeigt wurde (siehe Box), vermitteln ziemlich gut die Weltanschauung eines europäischen Durchschnittsjugendlichen: Immer weniger glauben an einen konkreten, persönlichen Gott. Dennoch hat Spiritualität nicht ausgedient. Viele schustern sich ihr individuelles Weltbild selber zusammen und suchen übersinnliche Erfahrungen, jedoch nicht mehr in der Kirche. Jugendliche sind heutzutage weniger sozial engagiert als noch vor 30 Jahren, die Umwelt ist ihnen nicht mehr so wichtig, dafür sind es Konsum, Spass und Beziehungen umso mehr – so das stark vereinfachte Fazit aus den zahlreichen Studien, Metastudien, Statistiken und Diagrammen, welche von verschiedenen Referenten präsentiert wurden. Spass statt Engagement Gemäss der Jugendstudie des Ener­gie­­konzerns Shell glauben in Deutschland rund ein Viertel der Menschen zwischen 12 und 25 Jahren an einen persönlichen Gott. Je etwa gleich viele glauben an eine höhere Macht, an gar nichts oder wollen sich nicht festlegen. Bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund spiele der Glaube jedoch eine grössere Rolle, führte der Münchner Sozialforscher Thomas Gensicke aus. Weit weniger bedeutend sei er dagegen für Menschen der neuen deutschen Bundesländer. Die verordnete Säkularisierung während der DDR-Zeit habe eine nachhaltige Wirkung entfalten können, stellte der Referent fest. Auch mit zunehmendem Alter nehme die Gläubigkeit tendenziell ab. Parallel dazu gibt es zwar auch Tendenzen zum Fundamentalismus, doch um eine Mehrheit handelt es sich nicht. Dennoch: Kinder beschäftigen nach wie vor Fragen nach Sterben, Tod und Danach. «Wer an einen persönlichen Gott glaubt, verhält sich etwas sozialer als andere», hielt der Wissenschaftler fest. Weil jedoch immer weniger Menschen in dieser Form glauben, würden sich auch immer weniger gesellschaftlich engagieren. Gemäss dem Forscher reicht der Glaube an eine höhere Macht allenfalls noch für ein etwas geschärfteres Umweltbewusstsein im Vergleich mit den Atheisten und Agnostikern. Insgesamt ist der Stellenwert der Ökologie aber zwischen 1987 und 2010 deutlich gesunken. Obwohl das Thema heute in der Schule und in den Medien dauerpräsent ist, scheren sich junge Menschen weniger dar­um als heutige 60-Jährige. Dafür erlebt die Befürwortung von Konkurrenz und Leistung eine Renaissance, was der Forscher auf die Globalisierung zurückführt. «Genuss und Spass sind wichtiger geworden.» Aber auch Treue in der Partnerschaft. Heutige Jugendliche haben ihren ersten Sex später. Eine Kraftquelle in Krisen Das Schwinden der Religiosität wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Spiritualität könne die Sterblichkeit um etwa 20 Prozent reduzieren, versuchte René Hefti anhand von rund 20 Studien nachzuweisen. Am stärksten sei dieser Effekt bei Menschen, welche ihren Glauben innerhalb einer Gemeinschaft auslebten, sagte der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik SGM in Langenthal. «Bei Angststörungen und Depressionen ist ein solider Glaube meist hilfreich», hatte der Leiter des Forschungsinstituts Spiritualität und Gesundheit festgestellt. Auch dass sich religiöse Menschen seltener selbst töten, sei schon lange bekannt. Aufgrund ihres Lebenswandels seien sie körperlich meist etwas gesünder: Zum Beispiel ist Rauchen unter ihnen weniger verbreitet. Anderseits könnten enge Werthaltungen, die durch eine kirchliche Gemeinschaft aufgezwungen würden, auch eine grosse Belastung sein, gab Hefti zu bedenken. Doch wie sollen Therapeuten, Lehrer, Ärzte und Eltern mit diesen Erkenntnissen umgehen? Schliesslich lässt sich der Glaube nicht einfach wie eine Pille verordnen. Ihn vorzuleben, ist ebenfalls schwierig, wenn man nicht selber in entsprechenden Überzeugungen verankert ist. Dennoch plädierte Kurt Albermann, Initiator des Symposiums, für mehr Sensibilität dem Thema gegenüber: «Wenn der Glaube als Quelle bereits vorhanden ist, lohnt es sich, danach zu fragen.» Das werde noch zu wenig gemacht. «Wir Ärzte und Therapeuten sind zu verschult», warf er selbstkritisch in die Runde. Darin gab ihm der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers recht: «Nach langen Jahren der Religionskritik sollten wir wieder erkennen, dass der Glaube nicht nur ein Risiko bedeutet, sondern auch eine Chance darstellt.» Nach Glauben und Werten zu fragen, brauche Mut, hielt Albermann fest. Aus Angst, in die esoterische Ecke gedrängt zu werden, habe auch er sich lange nicht getraut. Mit dem Tagungsthema habe er die Fachleute dazu bewegen wollen, sich im Umgang mit Jugendlichen Gedanken über das Funktionieren hinaus zu machen. «An Gott zu glauben, wäre cool», fand denn auch der Jugendliche im Film. Sich bedingungslos geliebt zu wissen und nach dem Sterben zu Gott gehen zu können, fände er tröstlich. In schwierigen Si­tua­tio­nen wäre er bestimmt empfänglicher, vermutete der Kantonsschüler, der sich bewusst ist: «Nicht zu glauben, ist ein Luxus.»

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