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Jugendliche Frische

Unter der Leitung von Michael Sanderling spielte das Orchester Musikkollegium Schuberts 4. Sinfonie und von Brahms das 2. Klavierkonzert – mit dem Solisten Martin Helmchen und mit jugendlichem Elan.

Johannes Brahms selber hatte die sechs ersten Sinfonien von Franz Schubert als «Vorarbeiten» bezeichnet – dies schrieb er in einem Brief an den Verleger Breitkopf & Härtel 1884, als er sich dar­um bemühte, Schuberts Werke zu sammeln und herauszugeben. Damit disqualifizierte er aber nicht die Jugendsinfonien Schuberts, die jener im Alter von 16 bis 21 Jahren (zwischen 1813 und 1818) komponiert hatte und die im Ganzen noch an Haydn und Mozart orientiert waren, sondern betrachtete sie aus der Sicht der nachfolgenden Werke, wie der 7. Sinfonie, der Unvollendeten, oder der 8., der Grossen C-Dur-Sinfonie. Dass von dieser späteren Perspektive aus betrachtet die frühen Werke für Brahms als «Vorarbeiten» galten, konnte auch Michael Sanderling im Gespräch mit Werner Pfister nach dem Konzert am Mittwoch nachvollziehen. Nichtsdestotrotz seien auch dies Meisterwerke, fügte er an und bekräftigte, dass Musik für ihn dann gut sei, wenn sie reich sei. Vom Moll zum Dur Die Fähigkeiten des Dirigenten San­derling lagen eindeutig darin, diesen Reichtum aus den Werken herauszuschälen und hörbar zu machen. Er verlieh der Sinfonie von 1816 neuen Schwung, zeichnete die dynamische Gestaltung und die abrupten Stimmungswechsel markant nach und hob Kontraste, wie der zwischen der langsamen, sehr feinen und leichten Einleitung und dem pathetischen ersten Satz, der sich nach und nach aus dem düsteren c-Moll zum strahlenden C-Dur entwickelt, deutlich hervor. Die jugendliche Frische, die Sanderling hier mit dem Orchester offenbarte, wohnt dem frühen Werk Schuberts inne, obwohl dieser sie mit dem Beinamen «Die Tragische» versehen hatte. Dies ist insofern kein Widerspruch, als dass sich diese Bezeichnung vor allem auf die Charakteristik der Tonart c-Moll bezieht, in der auch Beethovens 5., die Schicksalssinfonie, geschrieben ist. Von Schubert zu Brahms Die «Tragische» von Schubert ist eine Station auf der Suche nach der grossen sinfonischen Form, das Ausloten der Möglichkeiten innerhalb dieses Gerüsts und auch das Ausprobieren von Orchestererweiterungen (hier mit vier Hörnern). Brahms war rund 60 Jahre später mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigt, obwohl an einem ganz anderen Punkt der Komponistenlaufbahn stehend, anerkannt und erfolgreich. Ihm ging es um die Verschmelzung des Konzerts mit der sinfonischen Gestaltung. So konzipierte er Orchester und Klavier nicht als Gegensätze, sondern als Partner, die gleichermassen an den musikalischen Themen beteiligt sind und sich dialogisch ergänzen. Umso wichtiger ist das fast blinde Verständnis zwischen Dirigent, Orchester und Solist, das sich im Konzert am Mittwochabend auf vielfältige Art und Weise zeigte. Hervorzuheben ist hier das romantische Hornsolo am Beginn des Werkes, in welches das Klavier einsteigt, noch bevor das ganze Orchester einsetzt, oder der kammermusikalisch anmutende, langsame Satz, wo sich das Solocello mit dem Klavier immer wieder verschränkt und die Holzbläser und Streicher sie transparent ­begleiten. Wo im leidenschaftlichen Scherzo noch das glasklare und satte Spiel des Solisten zur Geltung kam, machte im ausgelassenen Finale das Tempo das Spiel für den Solisten technisch schwieriger. Erfreulich frisch In der Gesprächsrunde nach dem Konzert konstatierte Helmchen, dass oft erfahrenere Solisten für dieses grosse Werk engagiert würden und er sich umso mehr freute, das Werk hier in Winterthur und mit seinem früheren Kammermusikpartner Sanderling (damals noch als Cellist) zu spielen. Die beiden brachten dem Werk eine jugendliche Erfrischungskur, die erfreulich war und vom Publikum mit begeistertem Applaus verdankt wurde.

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