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«Jugendräume allein sind keine Lösung»

Die Jugendarbeit hat einen schweren Stand. Auf dem Land wird an ihrem Fundament gesägt – den Geldern. Ivica Petrusic, kantonaler Beauftragter für Jugendförderung, über Nöte und Notwendigkeiten in den Gemeinden.Zur Person

Wozu braucht es Jugendarbeit? Ivica Petrusic: Weil man den Nachwuchs nicht einfach aus den Budgets streichen kann, ohne am gesellschaftlichen Fundament zu rütteln, das uns später tragen soll. Was würde denn den Jugend­lichen abhandenkommen ohne Jugendarbeit? Eine Art Anwaltschaft ge­gen­über der immer komplexer werdenden Erwachsenenwelt. Wir begleiten die Jugendlichen in einer mitunter turbulenten Zeit. Zudem fördern wir sie auf dem Weg, Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft zu übernehmen. Wie geschieht das konkret? Nehmen wir an, Jugendliche wollen einen Skaterpark umsetzen. Ein tolles Projekt, das viel Durchhaltewillen erfordert. Junge Menschen leben aber oft im Moment. Wir helfen dabei, dranzubleiben, etwa wenn es um die heute enorm hohen Sicherheitsmassnahmen geht. Oder sie wollen eine Disco. Oder sie organisieren ein Lager für Kinder in den Sommerferien. Während sie die Einkaufsliste zusammenstellen, lernen sie schon einiges übers Budgetieren. Solche Aktionen und Erfolgserlebnisse fördern Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit und Selbstwertgefühl. Uns würden die Politiker ausgehen ohne die Jugendarbeit und die Vereine. Wo haben sie gelernt zu führen? Sicher nicht nur in der Schule. Viele waren in irgendeiner Form als Jugendliche ausserschulisch aktiv. Sie selber auch? Ja. Als ich als 14-Jähriger in die Schweiz kam, haben mir Sport und die offene Jugendarbeit enorm geholfen, mich zu integrieren. Ich habe zum Beispiel Basketballturniere organisiert und als Trainer Gruppen geleitet. Und was ist mit den Jugendräumen? Sie gehen in der Region auf und zu. Geschlossene oder begleitete Räume alleine sind noch keine Lösung. Wenn man einen Jugendtreff schliesst, dann ist das weniger tragisch, als wenn Engagement und die politische Basis einer Gemeinde für nachhaltige, umfassende Jugendarbeit fehlen. Räume sind nicht wichtig? Räume sind schon wichtig, aber nur als Teil eines Pakets. Die Zeit des Jungseins ist die, in der man Grenzen sprengen will, da ist ein begleiteter, klassischer Jugendtreff als Lösung zu eng gedacht. Weshalb sind Jugendräume denn noch immer ein Thema? Der Wunsch nach Räumen entstammt gerade in Zürich den Unruhen in den 80er-Jahren, in denen man Räume verlangte für das Ausleben einer damals sogenannten alternativen Kultur, die im konservativen Zürich keinen Platz hatte. Dieser Prozess hat mitunter einen neuen Kultur­begriff entstehen lassen. Junge wollten zum Beispiel Raum für ihre Musik. Heute ist die Jugend sehr viel mobiler, die Kommunikationsmittel spielen da eine Rolle. Ein Jugendtreff als Treffpunkt für weitere Abendpläne ist nicht mehr nötig. Was heisst das für die Jugendarbeit? Wir müssen mit der Jugend gehen. Wenn sie auf der Gasse ist, dann gehen wir eben auf die Gasse. Das heisst nicht, dass Jugendräume nicht auch ein Teil eines runden Angebots sein sollen. Wir arbeiten auch daran, dass Immobilien zwischengenutzt werden können, wenn sie leer stehen. Gesetzt den Fall, Geld wäre kein Thema. Wie müsste die Jugendarbeit in den Gemeinden denn nun aussehen? Das beginnt mit Teams aus flexi­blen Profis, die gesellschaftliche Aufgaben vernetzt denken. Wenn man jemanden mit einem kleinen Teilzeitpensum allein in einer Gemeinde hantieren lässt, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Person bald wieder geht. Jugendarbeit ist Beziehungsarbeit, da ist Konstanz das A und O. Kann eine Gemeinde das im ­Alleingang stemmen? Das ist eine der Hauptschwierigkeiten. Die Grenzen stimmen nicht mehr mit denen der Lebensräume überein. Viele Jugendliche auf dem Land orientieren sich überregional und an den Städten. Das stimmt. Diese Zen­trumsfunktion ist auch weiter kein Problem, solange die Gelder am richtigen Ort aufgewendet werden. So wie ein Raum allein zu eng ist, ist ein Dorf allein zu eng. Gefragt sind heute breiter gedachte, überregionale Lösungen. Der Bereich Jugendarbeit des Zen­trums Breitenstein vernetzt mehrere Gemeinden, kämpft aber auch ums Überleben. Scheitern heisst nicht, dass es der falsche Weg ist. Sondern zu teuer. Gerade hier muss ein Umdenken stattfinden. Junge für möglichst wenig Geld wegzusperren in Räume, heisst, dass man sie per se als Problem betrachtet, statt ihr Potenzial zu nutzen. Woran zeigt sich das? Nehmen wir das Beispiel Gewalt. Wir haben einen sehr negativen Zugang zu Konflikten. Dabei könnte man gerade Konflikte auch als Chance für die Gesellschaft erkennen. Gerade die sichtbaren. Mit denen kann man arbeiten und aus ihnen lernen. Wo viele Menschen sind, da entsteht Reibung, wo Reibung ist, ist Hitze. Das gehört dazu. Oft lagern wir Verantwortung lieber aus, statt hinzuschauen und nach konkreten Lösungen zu suchen. Welche Lösungswege für die Zukunft der Jugendarbeit in den Gemeinden sehen Sie? Wir arbeiten an einer gesetzlichen Verankerung auf kantonaler Ebene, die die Gesetzeslage auf Bundesebene griffiger fassen soll. In den Gemeinden sind Bedarfserhebungen notwendig. Unser Dachverband bietet Erstberatungen für die Gemeinden an. Wir helfen dabei, die Jugendarbeit zu analysieren und aufzugleisen.

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