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Junger Schub für eine neue Ära

Am Konzert zur Saisoneröffnung mit dem neuen Chefdirigenten Lionel Bringuier und der neuen Intendantin Ilona Schmiel wehte ein Klangorkan durch die Tonhalle. Grosser Applaus.

Der aus Nizza stammende Dirigent Lionel Bringuier, noch nicht 28-jährig, hat es früh ans Pult vieler grosser Orchester gebracht, aber als er vor dem Tonhalle-Orchester stand, ereignete sich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. «Wow, wir sind ein gutes Orchester», sagte er jetzt zum Amtsantritt als Chefdirigent, und legte los. Für das Eröffnungskonzert einer neuen Ära hat Esa-Pekka Salonen, Dirigent und Komponist aus Finnland, ein Werk geschrieben, das dem Ener­gie­­­schub des Aufbruchs eine famose Klangbühne bot. Die Zürcher Sing-Akademie und das Orchester in grosser Besetzung, mit viel Schlag- und Klangwerk im Hintergrund, nutzten sie imponierend zu grossartiger vokaler und – eingeschlossen lyrisch ausschwingende Soli von Cello, Oboe und Piccolo – in­strumentaler Entfaltung. Reverenz an Zürich Mit dem berühmten dadaistischen Lautgedicht «Karawane» als Textgrundlage ist Pekka-Salonens Komposition mit demselben Titel auch eine Reverenz an Zürich, wo Hugo Ball 1917 im Cabaret Voltaire sein «jolifanto bambla o falli bambla» vortrug. Aus einer vokalen Geräuschkulisse entwickelt sich allmählich der volle Chorklang, reich an Melodik und rhythmisch treibender Ener­gie­­­. In den ekstatischen Steigerungen, die an Strawinsky und Ravel erinnern mögen, zeigte sich, dass die dadaistische Entgrenzung der Sprache in der Musik seit jeher die Vokalise ist. Balls Lautgebilde war da vielleicht weniger zwingend als das Stichwort Karawane, das die Komposition wörtlicher aufgreift, als das Gedicht wohl meint, und man glaubte, den Zug in die Wüste, das Lager in der Oase unter dem Sternenhimmel, die orgiastische Feier und was sonst noch zu hören, und man liess sich begeistern von dieser präzis gesetzten, reizstarken und suggestiven Klangwelt. Für den neuen Chefdirigenten, der da schon seine Schlagtechnik und Geistesgegenwart zu beweisen hatte, folgte auf diesen ersten Streich sogleich der zweite, in dem nun freilich die Solistin im Zen­trum stand: Yuja Wang, Pianistin, fast altersgleich mit Bringuier, in Peking geboren und aufgewachsen, aber in den USA zur Konzertpianistin ausgebildet, hatte in der Tonhalle schon 2003 ihr Europa-Debüt. Inzwischen ist sie ein Topstar der Klassikszene – wobei auch ihre Erscheinung für Furore sorgt. Zur Spannung ihrer Auftritte gehört auch die Frage, was Yuja Wang trägt, kurz schwarz, schulterfrei lang oder lang lang. Lang geschlitzt und leuchtend rot war es diesmal. Aber Punkt. Mit dem 2. Klavierkonzert von Sergei Prokofjew stand der Pianistin je ein ganz anderer Laufsteg bevor, und was sie da vorführte, war ja wohl auch spektakulär. Entfesselung Dem bekannten und eben auch begründeten Klischee vom stählernen Klavierspiel, das männliche Kollegen konsequenter auch ins lineare Laufwerk und ins Lyrische verfolgen mögen, wurde Yuja Wang gleichsam mit der Grazie des «feurigen Engels» gerecht. Die sich türmenden Schwierigkeiten schienen sie erst recht anzutörnen, und wie sie mit dem geradezu dämonischen Ansturm der Kadenz im ersten Satz schliesslich die Posaunen auf den Plan rief, wunderte nicht. Bringuier hielt das Orchester kaum zurück, aber Yuja Wang ging ihren Weg durch das vertrackte Laufwerk des Scherzos und weiter: eine pianistisch Parforce der elektrisierenden Art. Mit Hector Berlioz’ «Symphonie fantastique» kam nach der Pause noch einmal ein Werk der Entfesselung und Entgrenzung zur Aufführung, hier des Romantikers zwischen Träumerei und Albtraum. Bringuier ging dabei aufs Ganze, Kraft und Schwung, aber auch Zentriertheit kennzeichneten sein Dirigat, elastisch schlank fürs Ganzen, nervig für die berliozschen Leidenschaften, auch ein wenig überschiessend im Schluss des ersten Satzes, spritzig für die Ballmusik, voller Poesie für die ländliche Szenerie mit dem fernen Donnergrollen und dann geschliffen akzentuierend für die fantastisch ausgeleuchtete Bizarrerie der Gerichts- und Walpurgisnachtszenerie.

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