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Kabul übernimmt Skandalgefängnis

KABUL. Die USA haben das berüchtigte Gefängnis Bagram offiziell an die afghanische Militärpolizei übergeben. Doch das Schicksal von rund 650 Häftlingen ist weiterhin strittig.

Foltervorwürfe, Isolationshaft und totgeprügelte Häftlinge – zwar hat das amerikanische Militärgefängnis Ba- gram in Afghanistan nie so traurige Berühmtheit erlangt wie Guantánamo auf Kuba oder Abu Ghraib im Irak. Doch auch Bagram sorgte immer wieder für Schlagzeilen, die den Umgang der Amerikaner mit Gefangenen in kein gutes Licht tauchten. Nun haben die USA das Gefängnis 40 Kilometer nördlich von Kabul offiziell an die afghanischen Behörden übergeben. Bei einer Zeremonie wurden die knapp 3100 Gefangenen – es handelt sich um mutmassliche Talibankämpfer und Terrorverdächtige – gestern an die afghanische Militärpolizei überstellt. Afghanistans Präsident Hamid Karsai pries die Übergabe der Haftanstalt Parwan, so der offizielle Name, als «Sieg für die Souveränität» seines Landes. Die Zeremonie selbst war eher symbolischer Natur: Die meisten Gefangenen befanden sich bereits unter afghanischer Kontrolle.

Keine vollständige Übergabe

Allerdings kann von einer vollständigen Übergabe noch keine Rede sein. So halten die USA laut Medien weiter 50 Ausländer und 600 Afghanen, die nach dem 9. März inhaftiert wurden, in einem Teilgebäude selber gefangen. Laut «New York Times» kam es dar­über beinahe zu einem Zerwürfnis mit Karsai. So bestünden die Amerikaner darauf, auch in Zukunft eine ungenannte Zahl von Häftlingen selbst in einem gesonderten Gebäudeteil festzuhalten. Angeblich befürchten sie, dass Kabul einige hochrangige Verdächtige laufen lässt – oder diese fliehen könnten. Auch afghanische Kommentatoren äusserten Zweifel, ob Afghanistan die Verwahrung der Verdächtigen garantieren könne. Der afghanische Verteidigungsminister Ena-yatullah Nazari bemühte sich, die Sorgen zu zerstreuen. «Unsere afghanischen Sicherheitskräfte sind gut ausgebildet», sagte er. Präsident Karsai hatte am 9. März mit den USA vereinbart, dass Bagram sechs Monate später unter afghanische Kontrolle kommt. Er hatte wiederholt kritisiert, es verletze die Souveränität Afghanistans, wenn die Amerikaner Afghanen gefangen hielten.

«Afghanisches Guantánamo»

Medien bezeichnen Bagram auch als das «afghanische Guantánamo», weil dort Insassen offenbar über Jahre in Gefangenschaft blieben, ohne dass je Anklage erhoben wurde. Berichte legen nahe, dass Folter verbreitet war. 2002 hatte man bei Verhören zwei Gefangene an die Decke gehängt und zu Tode geprügelt. Dem Internationalen Roten Kreuz soll der Zugang zu vielen Häftlingen verweigert worden sein. 2010 hatte der britische Sender BBC neun ehemalige Häftlinge interviewt, die berichteten, dass man sie in eiskalten Zellen hielt und mit Schlafentzug quälte. Einige vermuten, dass auch die Pakistanerin Aafia Siddiqui über Jahre mit ihren drei kleinen Kindern dort festgehalten wurde. Später wurde sie in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt, eines ihrer drei Kinder wird angeblich bis heute vermisst.

Bis zum geplanten Abzugstermin im Jahr 2014 sollen alle Gefängnisse in afghanische Verantwortung gelegt werden. Bagram ist eine der grössten Militärbasen der Nato-Truppen in Afghanistan. Anfang des Jahres hatten dort Soldaten bis zu hundert Koranausgaben und religiöse Schriften verbrannt. Daraufhin gab es in Afghanistan tagelang gewalttätige Proteste mit zahlreichen Toten.

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