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Kaum bekannter Farbenzauberer

Karl Jakob Wegmann war ein begna­deter abstrakter Maler. Das Kunstmuseum Winterthur würdigt das Spätwerk des 1997 verstorbenen Zürcher Künstlers in einer beein­druckend schönen Schau.

Der Zürcher Maler Karl Jakob Wegmann (1928–1997) begann als Hoffnung – und blieb eine Hoffnung, obwohl seine Malerei bemerkenswert stark war, wie die Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur beeindruckend vor Augen führt. Aber der Einzelgänger aus dem Glarnerland war mehr auf seine Arbeit als seine Karriere fokussiert. In der eben erschienenen Monografie (siehe Kasten) zeigen private Fotos einen meist nachdenklichen Mann mit fragend-dunklen Augen, der gut in einen Fellini-Film gepasst hätte. Mit seiner Familie wohnte er jeweils in alten, vor dem Abbruch stehenden Villen. Dort richtete er auch sein Atelier ein. Dass der Schriftsteller Paul Nizon sein Freund war und über ihn schrieb, überrascht nicht; ebenso wenig, dass Manuel Gasser, Redaktor der Zeitschrift «Du», ihn 1959 auf eine Liste vielversprechender Jungkünstler setzte. Der eigenwillige Autodidakt, der von seinem Vater in die Malerei eingeführt wurde, passte gut in die Zürcher Intellektuellen-Boheme der 1950er-Jahre, die unter der geistigen Nachkriegsenge litt. Zeitlebens ein Geheimtipp Wegmann blieb zeit seines Lebens ein Geheimtipp – trotz Ausstellungen, so auch im Zürcher Helmhaus, oder Auszeichnungen wie dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. An diesem Status wird die beeindruckend schöne Schau im Kunstmuseum Winterthur kaum viel ändern. Sie fusst auf einer Privatsammlung und umfasst die letzten 15 Jahre seines Schaffens. Wegmanns frühere abstrakte Arbeiten wären gleichwohl einen Blick wert gewesen, obschon sie unverkennbar die damals bereits müde gewordene Ecole de Paris repräsentieren. Als Kontrastfolie hätten sie seinen malerischen Aufbruch in den 1980er-Jahren indes dramaturgisch höchst effektvoll zur Geltung gebracht. Bereits schon fünfzigjährig, brach Wegmann um 1980 nochmals auf, wobei er sich um die aktuellen Bewegungen wie Concept- und Minimal Art oder Arte po­vera und Fluxus foutierte. Wo Beuys seinen Schülern empfahl, endlich mal den Pinsel wegzulegen, da zündete Wegmann ein einzigartiges koloristisches Feuerwerk in Öl, das bisher aber kaum über einen begrenzten Kreis von Sammlern zu strahlen vermochte. Das Kunstmuseum Winterthur holt das Versäumte in kon­zen­trier­ter Form nach. In drei Sälen des Neubaus huldigen rund dreissig, zum Teil grossformartige Leinwände aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren der Strahlkraft der Ölfarben. Verstörend wild «Aufbruch zu neuen Spielen» titelte Wegmann 1983 programmatisch ein einzelgängerisches Bild, das den Ausbruch aus der Noblesse des Informel verstörend wild auf einem grossen Hochformat vorträgt: in der oberen Bildhälfte in blauer Farbe hingepinselt ein Rhombus, darin schnelle Pinselspuren in Rot und Blau, an der Bildbasis locker aufgereiht amorphe dunkle Flecken, dar­über gelbe Kreisformen. Im Vergleich zu früher und trotz ordnenden Kräften spielt sich ein wüstes Treiben auf dem hellgrauen Grund ab. Diesen übermalt Wegmann fortan nicht mehr in seiner Gänze; nun erträgt er die partielle Leere, aber wichtiger noch: Er erkennt ihr dramatisches Potenzial als Resonanzboden für den Auftritt seiner zwischen amerikanischer und französischer Malpraxis, zwischen Euphorie und Melancholie oszillierenden Farbspiele. Jedes Bild genügt sich selbst Was bei Wegmanns Malerei amerikanisch, was französisch ist, lässt sich aber nicht präzise ausdifferenzieren, obschon diese doppelte Genealogie spannungsvoll in seinen Bildern pulsiert. Wie Fotos zeigen, malte er seine grossen Formate auf dem Boden, meist nachts bei Neonlicht, nachdem er seine Ölfarben mit reinen Pigmenten in einem Ritual vorbereitet hatte. Die Hingabe an die Farbe überträgt sich im Malakt auf die Leinwand und verführt die Augen des Betrachters. Locker stösst Farbe an Farbe, Fläche an Fläche, manchmal zu Dominanten gesteigert, verbunden mit harmonischen Nebenklängen. Dissonanzen fehlen, nicht aber expressive Hell-Dunkel-Kontraste. Wie Wegmann den verschiedensten Blautönen, strahlenden wie verschatteten, auf der Spur ist, erfüllt den Betrachter. Und wie er seine Farben aufträgt, mal wässrig dünn mit den Spuren der Pinselhaare in der durchscheinenden Ölfarbe und so schwungvoll rund; dann wieder ein hastiges Gepinsel und trocken die Farbe, dass man ein Wischen auf der Leinwand zu hören vermeint. Das sind vielleicht Details, aber sie machen jede geistige und theoretische Unterfütterung dieser Malerei überflüssig. Jedes Bild genügt sich selbst. Dieser Einsicht vertraute die Kuratorin Gabrielle Boller in der beglückend eingerichteten Schau, welche den Betrachter in jedem Saal herausfordert: im letzten mit dem ironischen Auftritt von Leda und dem Schwan, im mittleren mit der bemalten Kugel und der kon­trol­lier­ten Pinselraserei und im ersten mit der Versöhnung von ab­strakter und gegenständlicher Malerei. Adrian Mebold Karl Jakob Wegmann: «Aufbruch zu neuen Spielen». Kunstmuseum Winterthur, Museum­strasse 52. Bis 6. April.

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