Zum Hauptinhalt springen

Kein neuer Rekord

Die Schweizer Fussballer beenden das erfolgreiche Länderspieljahr 2013 mit einer Niederlage – einem 1:2 gegen Südkorea, einen der «Grossen» Asiens. Die Leistung war nach gutem Start enttäuschend.

Der Anfang war gut, denn Pajtim Kasami schoss schon nach wenigen Minuten seines ersten Länderspiels in der Startelf mit einem 20-m-Aufsetzer nach entschlossener Balleroberung das 1:0. Die Fortsetzung bis zur Pause war zumal kämpferisch und defensiv in Ordnung, der Vorsprung konnte jedenfalls gehalten werden. Doch die markant sinkende Leistungskurve der zweiten Halbzeit liess eigentlich keinen andern Ausgang mehr zu als diese erste Niederlage seit dem 0:1 gegen Rumänien Ende Mai 2012. Nach fast anderthalb Jahren ging eine positive Serie mit zehn Siegen, vier Unentschieden und keinem Misserfolg zu Ende. Noch ein erfolgreiches Spiel mehr, und die Schweiz hätte ihre Länderspielgeschichte um einen neuen Rekord angereichert. Am Ende stellten sich also wieder einmal die Fragen nach dem Nutzen eines solchen Spieles. Verkauft worden war es als Start zur Vorbereitung auf die WM-Endrunde in Brasilien, als Belastungstest, der zeigen solle, wie die Spieler unter den erschwerten Bedingungen wie einer sehr weiten Reise in ungewohnte Gefilde reagieren würden. Aber am Ende war die Frage auf jeden Fall nicht positiv beantwortet. Die – von den koreanischen Gastgebern immerhin gut bezahlte – Expedition legte vor allem die Folgerung nahe, dass eine Mannschaft nicht in bester Verfassung sein kann, die am Tag nach einem Flug um die halbe Welt zu einem Länderspiel antritt. Doch das wusste man schon vorher. Zwei «verschiedene» Teams Es war dann offensichtlich, dass die ohnehin grundsätzlich laufstärkeren Koreaner spritziger und siegeswilliger wirkten. Dieser Unterschied akzentuierte sich, je länger das Spiel dauerte. Da wären wir bei jenen sportlichen Schlüssen, die umso dezidierter zu ziehen sind, je höher der Match trotz der unüblichen Voraussetzungen gewichtet wird. Und diese Beobachtungen sagen einem, dass praktisch zwei verschiedene Schweizer Teams auf dem Platz standen. Denn es war 45 Minuten lang eine Mannschaft zu sehen, die zwar offensiv nach dem Tor nur noch wenig zustande brachte. In Erinnerung ist eigentlich nur eine klare Chance Haris Seferovics, der nach einem weiten Pass Blerim Dzemailis alleine vor den Torhüter zu stehen kam, aber zu schnell und unpräzis abschloss. Doch diese Schweizer Besetzung war fähig, so zu verteidigen, dass Diego Benaglio kaum geprüft wurde und es beim 1:0 blieb. Im Mittelfeld war Gökhan Inler ein stabiler Faktor. Zur zweiten Halbzeit erschienen mit Routinier Philippe Senderos und Debütant Fabian Lustenberger gleich zwei neue Innenverteidiger, nach einer Stunde löste auch noch Gelson Fernandes als Rechtsverteidiger Michael Lang ab. Die Konsequenz war rasch zu sehen: Mit dem neuen Abwehrzentrum geriet die Schweiz gleich mehr unter Druck; die beiden Neuen bauten ihr Spiel auch aus zu tiefen Positionen auf, was noch dadurch erschwert wurde, dass die beiden Aussenverteidiger oft sehr hoch standen. Gelson Fernandes wirkte später in ungewohnter Rolle auch wesentlich weniger solide als Lang, auf der andern Seite liess Reto Ziegler stark nach. Zwei Kopftore Das 1:1 war ein Kopftor des Augsburger Innenverteidigers Hong Jeong-Ho nach einem Eckball, den sich der sonst überzeugende Benaglio hätte greifen können. Die Kugel flog nämlich durch den Fünfmeterraum. Beim 2:1, ebenfalls per Kopf erzielt, agierte Ziegler im Zweikampf bedenklich schwach. In der letzten halben Stunde konnten die Schweizer ihr Spiel nach vorne noch viel weniger entwickeln als vorher. Tranquillo Barnetta, der eine Flügelmann, lief zwar viel, aber er hatte kaum Einfluss. Granit Xhaka, der andere, lief nicht einmal genug. Sein Auftritt, diesmal abseits des Zen­trums, war ausgesprochen mager. Das muss nicht an der Position liegen, denn zuletzt gegen Slowenien war er in der zweiten Halbzeit immer wieder plangemäss auf die Seite ausgewichen. Dann schoss er gar das Siegestor. Kasami und die «Verlierer» Seferovic hatte in der zweiten Halbzeit kaum mehr einen Ball, ehe er durch Mario Gavranovic ersetzt wurde. Seferovic hatte eine grosse Chance, seine Leistung aufzuwerten. Er nutzte sie nicht. Kasamis starker Start war verpufft, als er 20 Minuten vor Schluss einem andern Winterthurer, Admir Mehmedi, Platz machte. Dennoch ist Kasami nach seinem Debüt in der Startelf der Gewinner des Tages. Wie er das Tor gleich selbst vorbereitete und dann erzielte, war deutlicher Hinweis für seine physische Präsenz, für seine Fähigkeit, den direkten Weg aufs gegnerische Tor zu gehen. Allerdings muss er sein Spiel «zivilisieren», er darf sich nicht mehr – ungestüm – so viele Fouls leisten. Die Verlierer waren hauptsächlich Senderos und Lustenberger, auch wenn sich Ottmar Hitzfeld später hinter sie stellte und sagte: «Es lag nicht an ihnen, dass wir den Ausgleich kassierten.» Aber natürlich wird auch der Coach nur einen Schluss ziehen können: Senderos ist in dieser Verfassung eines altgedienten und physisch überforderten Veteranen kein Kandidat mehr fürs Nationalteam. Lustenberger mag man nach diesen 45 Minuten noch nicht abschreiben, aber sein erster Auftritt war von Nervosität geprägt. Er fand keine Linie, was er womöglich getan hätte, wenn er sich neben einem geeigneteren Partner hätte zeigen dürfen. Das Problem ist nun, dass es bis zur WM nur noch sehr wenige Gelegenheiten gibt. Es war auch noch festzustellen, die Schweiz sei ohne Xherdan Shaqiri offensiv nicht annähernd so wirkungsvoll wie mit ihm. Aber auch für diese Erkenntnis brauchte man nicht in den Fernen Osten zu fliegen. Am Ende bleibt von diesem Spiel vor allem, dass es das Ende einer positiven Serie brachte. Hitzfeld zog die Tests der schönen Statistik allerdings vor: «Sonst hätte ich wohl länger mit derselben Elf gespielt», sagte er. Und Xhaka: «Wir waren nicht zu müde, sondern vor allem schlecht.» Da wirkte er rhetorisch deutlich luzider als vorher spielerisch auf dem Platz. (red)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch