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Keine Gnade für den Flüsterfuchs

Der deutsche Kabarettist Michael Krebs hat im Schulhaus Ritschberg in Elgg die Schweizer Premiere seines neuen Programms aufgeführt. Mit feinem Spott hat er gepunktet.

Am 10. Oktober feierte der Kabarettist Michael Krebs mit seinem Programm «Zusatzkonzert» in Düsseldorf Premiere. Bereits am 23. Oktober gibt er in Elgg ein «Zusatzkonzert». Es ist die Schweizer Erstaufführung. Der Titel «Zusatzkonzert» deutet auf eine riesige Nachfrage an und verwirrt etwas. Als Michael Krebs das Publikum aufklärt, erntet er Lachsalven. Bei vollem Saal. Ein Kabarettist hat zu Beginn seines Auftritts wenige Augenblicke zur Verfügung. In dieser Zeit muss er das Pu- blikum in der Tasche haben. Sonst geht die Aufführung in die Hose. Die Elgger schliessen Krebs sofort ins Herz. Schwer zu sagen, wie er das schafft. Vielleicht hilft sein astreines Schwäbisch, das in manchen Ohren drollig klingt. Vermutlich weiss er das, er, der so herrlich über das Schweizerdeutsch spotten kann. Der Frechdachs auf der Bühne kann sich ohnehin viel herausnehmen. Das Publikum lacht trotzdem und immer lauter. Das Programm «Zusatzkonzert» ist politisch – und dabei alles andere als ausgewogen. Sein Spott ist fein und doch messerscharf. Krebs sticht die Krebsgeschwüre unserer Zeit auf. Er bringt seine Kritik anhand kleiner Dinge auf den Punkt. So wenn er über das pseudoenglische «Kaffee to go», «Pizza to go» usw. herzieht. Das meiste davon kleidet er in Lieder. Dabei brilliert er mit einer Stimme, mit der er bei «Deutschland sucht den Superstar» abgeräumt hätte – und packt die Gelegenheit beim Schopf, die Flut von Casting-Shows aufs Korn zu nehmen. Man merkt, Krebs’ Gesellschaftskritik nährt sich aus einer Wut im Bauch. Das Publikum ergötzt sich daran. Das hat mit dem Charme des Kabarettisten zu tun und mit seinem entwaffnenden Lächeln und seiner spritzigen Ener­gie­­. Oft spielt er – virtuos – stehend Klavier. Fröhlicher Trauermarsch Vieles drückt der Kabarettist musikalisch aus. Er führt vor, wie es klingt, wenn ein Musiker an der Moll-Dur-Krankheit leidet. Der Hochzeitsmarsch in Moll! Eine Beerdigungshymne in Dur! Das geht gar nicht. Ausser bei gewissen Leuten, die Michael Krebs auch nennt. Überhaupt steht das Programm des Kabarettisten in der Tradition des politischen Aufklärungstheaters. Doch es wirkt nie lehrerhaft. Dafür ist er zu wild und zu spontan. Er springt von Free Jazz zu «Gangsta-Rap», von Schlager zu «Deep Emotion». Gerade für den tief fühlenden Sänger liefert er eine herrliche Persiflage. Er beendet das Lied zynisch: «Du kannst mich immer anrufen!» Zwischendurch berichtet Michael Krebs ganz persönlich über das eine oder andere Erlebnis. Das sind die ruhigen Momente, in denen er dem Publikum eine Atempause gönnt. Doch gleich schleicht sich in das Erzählen wieder die Satire ein. Nicht selten ist es Realsatire. So haben die dänischen Urheber des Anti-AKW-Klebers Krebs seinen Kleber gegen den Flüsterfuchs gerichtlich verboten. Das Signet sei dem Anti-AKW-Zeichen zu ähnlich. Der Flüsterfuchs ist ein Handzeichen, das Kindergärtnerinnen machen, wenn die Kleinen still sein sollten: «Klappe zu, Ohren spitzen!» Wie fast alles im Programm ist auch diese Kam­pa­gne des Kabarettisten doppelbödig. Als schlauer Fuchs macht er auf sich selbst aufmerksam. Zugleich wendet er sich dagegen, dass die Menschen einfach die Klappe halten und kaum noch Kritik üben. Sie haben ihre Mündigkeit freiwillig abgegeben an Fernsehen, Facebook und Fussball. Das ist seine wie- derum sehr eindeutige Botschaft. Michael Krebs gebärdet sich auf der Bühne als Kämpfer und Spötter, als ein Verführer und ein Verzweifelter. Am Ende ruft er in seiner Hoffnungslosigkeit die Menschenrechte in Den Haag an. Dort singen sie mit hoher Stimme: «Sie können uns immer anrufen. Wir gehen nicht ran.»

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