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Keine Spur von Heimweh

David Njoroge macht in einer Sozialwerkstatt in Töss Velos für Afrika fit. Der Kenianer kam durch ein Austauschprogramm in die Schweiz und erfreut sich hier am Schnee und an den pünktlichen Zügen. Als Nächstes will der 23-Jährige Ski fahren lernen.

Velo fährt David Njoroge auch in Kenia. «So spare ich das Geld für den Bus.» Velos zu flicken, hat der 23-Jährige aber erst in Winterthur gelernt. In der Werkstatt der Brühlgut-Stiftung in Töss nimmt er sich gerade ein Damenrad vor. Es ist ausrangiert, aber kein hoffnungsloser Fall: Der Lenker sitzt und die Schaltung funktioniert. Njoroge wird Bremsbeläge tauschen, schmieren, pumpen und den fehlenden Sattel ersetzen. Dann ist der Drahtesel fit für sein zweites Veloleben in Afrika. Ein Berner Hilfswerk verteilt sie dort. Dass die Velos, die er repariert, womöglich bald auch in seinem Heimatland herumfahren, freut den Kenianer. In der Velowerkstatt der Brühlgut-Stiftung arbeitet er Seite an Seite mit Menschen mit Behinderungen. «Englisch kann hier kaum jemand», sagt er. «Doch die wichtigsten Dinge verstehe ich inzwischen auch auf Deutsch. Und sonst reden wir halt mit den Händen.» In die Schweiz gekommen ist der Kenianer mit dem Jugendaustauschprogramm ICYE, das weltweit Sozialeinsätze vermittelt. In Kenia hatte er zuvor selbst Freiwillige betreut und sie beim Bau eines Schulhauses unterstützt. Zwei Jahre hat der Elektrotechnik-Absolvent gejobbt und gespart, um sich den Traum vom Auslandjahr zu erfüllen. 360 000 kenianische Schilling (etwa 4000 Franken) war die Teilnahmegebühr. «Als Tagelöhner verdiente ich 400 Schilling, gut vier Franken.» Dank der Unterstützung seiner Familie kam die Summe letztlich doch zusammen. «Heisser als in Kenia» Auf der Liste seiner Wunschziele waren neben der Schweiz auch Österreich und Finnland gestanden. «Ich wollte unbedingt Schnee erleben», sagt der 23-Jährige. Im Fernsehen hatte er Skifahrer gesehen. «Das will ich auch lernen», sagt er, der kürzlich die erste Schneeballschlacht seines Lebens ausgefochten hat. Im ICYE-Winterlager im Februar will er das erste Mal auf den Latten stehen. «Die Kälte macht mir gar nichts aus», sagt er. «Die Hitze im Sommer war schlimmer. Die Schweiz ist heisser als Kenia!» Gut möglich: Njoroges Heimatstadt Nakuru liegt 1850 Meter über Meer. Weil seine Gastfamilie in Friltschen, einem kleinen Dorf bei Weinfelden, lebt, pendelt der Besucher aus Afrika jeden Morgen und Abend eine Stunde mit Bus, Zug und Postauto. Er ist fasziniert von deren Pünktlichkeit. «In Kenia gibt es keinen Fahrplan. Der Bus fährt ab, wenn er voll ist.» Etwas ungewohnt war für ihn, dass manche Passagiere lieber stehen bleiben, als sich zu ihm ins halbvolle Abteil zu setzen. «Ich dachte zuerst, das liege an mir, aber dann merkte ich: Die machen das bei allen so.» Negative Erfahrungen wegen seiner Hautfarbe habe er keine gemacht. Weihnachten im Sommer Weihnachten kennt David Njoroge von zu Hause. Im vorwiegend christlichen Kenia werde gar nicht so anders gefeiert als hier, erzählt er. Obwohl Weihnachten dort – südlich des Äquators –im Sommer liegt. Man mache sich kleine Geschenke, singe Weihnachtslieder und gehe in die Kirche. «Wir backen sogar Guetsli», sagt er. Weil in Kenia keine Tannen wachsen, werden einheimische Bäume geschmückt – das kann dann auch mal eine Palme sein. Als Weihnachtsessen beliebt sind Chapati (Fladenbrote) mit Rind- und Pouletfleisch. Hat er ab und zu Heimweh? Njoroge guckt überrascht ob der Frage und schüttelt entschieden den Kopf. Er lebt ganz im Jetzt. Im August wird er wieder nach Nakuru zurückkehren. Ob er als Elektrotechniker Arbeit sucht oder seine neu erworbene Werkstatterfahrung nutzt und als Velomechaniker arbeitet, lässt er noch offen. «Vielleicht kann ich beides tun», sagt er. «In Kenia ist es besser, wenn du zwei Jobs machen kannst.»

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