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Klangbilder des inneren Lebens

Viel Publikum und grossen Applaus gab es am Sonntagabend in der Stadtkirche für Willy Burkhards Oratorium «Das Jahr» – ein Werk, das den grossen Auftritt verdient.

Willy Burkhard? «Das Jahr»? Zu hören war in der Stadtkirche eine überaus eindrückliche Musik. Sie verdankt ihren klanglichen Reiz und ihre Ausdrucksfülle einer mit Dissonanzen angereicherten Harmonik, einer mit weiten Intervallen verbundenen Melodik, komplexer Rhythmik und exzentrischer Instrumentation. Und doch ist es dann immer wieder auch die tonale Festigkeit, die der Jahreszeiten-Musik die Bodenhaftung und den Blick ins Ewige verschafft.

Um 1940 entstanden ist Willy Burkhards Oratorium «Das Jahr», ein herausragendes Zeugnis des damals aktuellen Musikschaffens in der Schweiz. Das machte ein grosses Aufgebot musikalischer Kräfte unter der Leitung von Alois Koch am Sonntagabend in der Stadtkirche Winterthur deutlich. Beteiligt waren die Basler Madrigalisten, die Evangelische Singgemeinde Bern/Zürich und die Knabenkantorei Luzern, das vergrösserte Orchester des Musikkollegiums und die Solisten Maya Boog (Sopran), Irène Friedli (Alt) und Rudolf Rosen (Bass). Was sie alle boten, hatte spontane Überzeugungskraft, und die musikalisch plastische Durchgestaltung war auch in den nicht einfachen akustischen Verhältnissen der Stadtkirche hervorragend.

Dass «Das Jahr» jetzt seine Runde macht, ist erfreulich, ebenso dass das Werk jetzt in der Stadtkirche Winterthur für das Label «Musiques Suisses» aufgenommen wurde. In Winterthur passte die Aufführung bestens in eine Saison, die das Musikkollegium mit «Fokus Schweiz» überschrieben hat. Im Stadthaus, wo Frank Martin (1890–1974) ziemlich heimisch ist und in dieser Saison Arthur Honegger (1892–1955) mit sechs Werken präsent ist, wäre auch Willy Burkhard (1900–1955) für den Konzertsaal wieder zu entdecken.

Dafür sprachen insbesondere auch zwei Sätze aus seiner Sinfonie op. 21, die zwischen die Teile des Oratoriums eingeschoben wurden, ein Intermezzo mit klangschön konzertierender Flöte und ein intensiv kantables Adagio – beschauliche Inseln zwischen den Teilen des Oratoriums, die insgesamt spannungsgeladen sind: ekstatisch (die Mai-Feier), dramatisch mit Summchor und Glissandi (das Sommer-Gewitter) oder voller Unrast (die knapp bemessene Erntezeit im Herbst).

Tonbilder und Tonsymbolik

Umso beklemmender dann die eisige Stille in der Schilderung des Winters. Die Einleitung mit sirrendem Flageolett, Klaviersplittern der obersten Oktave und der klagenden Melodie von Oboe und Englischhorn war eines von vielen Beispielen für Burkhards kompositorische Imaginationskraft und für die Qualität der Aufführung, die sie im ganzen Werk farbig zur Geltung brachte. Dazu trugen Solisten bei, wie etwa die Soloklarinette und die Altistin für den heiteren Amselgesang oder auch das Tutti mit sich türmenden Akkorden und einem Brausen aus dissonierenden Stimmen und Beckengischt für die «Welt im Mittagsglanz».

Dabei ist Burkhards Tonmalerei immer symbolisch überhöht und expressiv nach innen gewendet. Die vier Teile des Werks sind weniger Darstellung des Naturgeschehens als Gleichnis für das Menschenschicksal, vor allem wohl auch Burkhards eigenes. Das unheimliche, schon fast höllische Gewitter, das sich glücklicherweise verzieht, ohne Verderben anzurichten, ist wohl nicht nur auf die «Réduit-Schweiz» zu beziehen, sondern auch auf die überstandene lebensbedrohliche Krankheit des Komponisten, und die hastige Herbstmusik hat einer geschrieben, der sich fragen musste, wie viel Zeit ihm wohl gegönnt ist.

Ergreifend auch das Winterbild mit Schneeglanz, Sonne und Glockenklang: das Aufscheinen des Lichts im «finstersten Monat», das auf Weihnachten verweist – womit das «Natur-Oratorium», das mit Einleitung und Beschluss das Natur-Geschehen ja auch in der Vision einer göttlichen Ordnung verklammert, auch als persönliches Bekenntniswerk in christlichem Geist zu verstehen wäre, das sehr wohl in den Kirchenraum passt – den üppigen weltlichen Applaus eingeschlossen, der für den grossen Erfolg der Aufführung zeugte.

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