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Klassik, Uraufführung und Spätzeit

Ein junger polnischer Pianist spielt Beethoven und eine Uraufführung für den «Fokus Schweiz» und im Zen­trum die Bläser des Orchesters: ein facettenreicher bis heterogener Abend im Musikkollegium.

Vielleicht eine brummende Glocke, gar ein Didgeridoo oder vielleicht ein Nebelhorn, dessen Stösse von Mal zu Mal geheimnisvoller klingen, davor einzelne Töne einer Viola als Stimme eines Suchenden … Es war leicht, gleich zu Beginn mit Fantasie ins Konzert einzutauchen, welches das Orchester unter der Leitung von Douglas Boyd am Mittwoch im Stadthaus bot. Auf dem Podium waren die Bläser zusammen mit den Kontrabässen und grossem Schlagzeug beschäftigt, und Jürg Dähler war der Solist im Stück «D’oltremare» von Nadir Vassena, das als Auftragswerk des Musikkollegiums uraufgeführt wurde.

«Von fernen Ufern», so der deutsche Titel, mögen also die von Stoss zu Stoss sich allmählich verändernden Akkordschichtungen kommen, die in liegenden Bläserstimmen verhallen. Aber es zieht sich so hin und lässt die Fantasie vielleicht erkalten. Aber man spürt dann doch den schönen Moment, wenn die Viola mit exotisch wirkenden Melismen, Glissandi und Schwebungen endlich gleichsam am fernen Ufer spaziert. Vassenas diffuses Farbspektrum möchte die etwas langatmige viertelstündige «Reise» wohl in der Traumschwebe halten, bis am Ende das Stück zum Anfang zurückkehrt.

Die Uraufführung des Tessiner Komponisten Nadir Vassena (*1970), Co-Direktor des Conservatorio della Svizzera Italiana in Lugano und Co-Leiter der Tage für Neue Musik in Zürich, stand im Zusammenhang mit dem Saisonschwerpunkt «Fokus Schweiz» des Musikkollegiums. In die Schweizer und spezifisch die Winterthurer Musikgeschichte führte anschliessend die Aufführung eines Spätwerks von Richard Strauss. Zu referieren wäre hier seine Freundschaft mit Werner Reinhart, sein «Exil» in der Schweiz unmittelbar nach dem Krieg und sein höchst problematisches Verhalten in der NS-Zeit in Deutschland.

Eine grosse Sonatine

In den letzten Kriegsmonaten und scheinbar fern der schrecklichen Wirklichkeit, schrieb Strauss «Die fröhliche Werkstatt», wie der Titel für die Werner Reinhart gewidmete und in Winterthur am 27. März 1946 uraufgeführte Sonatine lautet. Sonatine? Die Verkleinerungsform hat mehr mit dem Rang zu tun, den der Komponist dem Werk in seinem Schaffen zuwies, als mit der Anlage, handelt es sich doch um ein weitläufiges Werk, ein wenig melancholisch eingefärbt, vor allem aber resignativ heiter und ausufernd im nostalgisch verklärten Wohlklang.

Dieser hatte auch etwas Ermüdendes (für Hörer und Spieler). Viele Momente kostbarer Melodik, schöne Soli (das von den Hörnern golden unterlegte der Klarinette im Trio, um nur eines zu nennen) waren zu hören. Es gab eine immense spielerische Leistung zu geniessen, und natürlich gehörten zur fröhlichen Werkstatt, die vor allem eine anspruchsvolle ist, auch die Späne. Die Bündelung der Stimmen in hohen Lagen ist wohl ohnehin nicht ohne Pene- tranz zu haben, und es ist gut möglich, dass Strauss die mozartsche Serenade zwar gemeint, mit seiner schwelgerischen Fantasie aber strapaziert hat.

Ener­gie­ und Eleganz

Dass das selten gespielte 2. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven einen zweiten Konzert-Hauptteil zu übernehmen hat, ist aussergewöhnlich, aber das Opus 19 spielte die Rolle gut, mit anderen Worten, es wurde hervorragend gespielt: Rafal Blechacz ist, wie er mit den Zugaben zeigte, ein unerhört geschmeidiger Chopin-Pianist (überragender Sieger des Chopin-Wettbewerbs 2005). Bei Beethoven hätte man für das Adagio und seinen rezitativisch-fragenden Schluss oder auch die wetterleuchtende Kadenz vielleicht einiges an Hintergründigkeit mehr erwartet, aber das Stück selber macht ja nicht allzu viel Aufhebens in dieser Richtung. Im Zen­trum stehen spielerische Ener­gie­ und Eleganz mit kerniger Thematik, brillantem Laufwerk und vollgriffiger Rhythmik. Mit gesteigerten Tempi über das Molto Allegro hinaus, aber ohne Verlust an Klarheit und Plastizität verschaffte der Pianist, aber auch das Orchester dem Stück im Einklang von jugendlichem Temperament und Formgefühl einen grossen Auftritt.

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