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Klingende Bilder von Miró

Matthias Tschopp scheint Herausforderungen zu mögen: Er spielt nicht nur das unhandliche Baritonsaxofon. Mit seinem Jazzquartett hat er nun Gemälde des Spaniers Joan Miró vertont. Ein Vergnügen für Aug und Ohr. Am Freitag spielt das Quartett in der Esse.

Das Jahr 2008 verbrachte Matthias Tschopp zur Hälfte in Barcelona. Dort besuchte er ein Museum, das ganz dem Schaffen des wohl bedeutendsten spanischen Künstlers des 20. Jahrhunderts gewidmet ist: die Fundació Joan Miró. Die Initialzündung zu seinem Miró-Programm hatte der an der Jazzschule Luzern ausgebildete und nun in Zürich wohnhafte Baritonsaxofonist allerdings erst einige Monate später: «Ich habe Mühe, einfach so draufloszukomponieren. Da dachte ich mir, ich könnte doch Stücke schreiben, die auf Bildern basieren.» Auf der CD «Matthias Tschopp Quartet Plays Miró» sind neun Stücke zu hören, die auf zehn Bildern der katalanischen Kunstikone basieren. Die fantasievollen, farbenprächtigen Bilder sind in einem Faltblatt farbig reproduziert und die kompositorischen Grundideen werden kurz erläutert – wir haben es also nicht nur mit einem Ohren-, sondern auch mit einem Augenschmaus zu tun. An den Konzerten wird mit Bildprojektionen gearbeitet. Tiefe und Leichtigkeit Die Musik, die Tschopp mit dem Pianisten Yves Theiler, dem Bassisten Raffaele Bossard und dem Schlagzeuger Alex Huber eingespielt hat, vermag auch unabhängig von den Bildern zu überzeugen –das Ausdrucksspektrum reicht von wunderbar klangmalerisch-lyrischen Balladen bis hin zu berserkerhaften Eskapaden. Klar ist: Die ungewöhnlichen Inspirationsquellen haben zu Resultaten geführt, die sich in einigen Fällen drastisch von konventionellen Jazzformen unterscheiden. Bei der Transformation von Bildelementen in Noten ist Tschopp, der übrigens nicht über synästhetische Fähigkeiten verfügt (also keine Farben hört), in erster Linie seiner Intuition gefolgt – und am Schluss hat er ein Stück, das ihm allzu konstruiert vorkam, aus dem Repertoire entfernt. War­um fiel die Wahl auf Miró? «Seine Bilder sind abstrakt, aber nicht in einem strengen Sinn, sondern organisch – sie haben Tiefe und Leichtigkeit», begründet Bandleader Tschopp seine Wahl. Und wie kam er dazu, ein Austauschsemester in der katalanischen Kapitale Barcelona zu verbringen, die ja nicht gerade als Jazz-Hotspot bekannt ist? «Die Stadt hat mich als Ganzes angesprochen, und ich kann Spanisch. Nach Berlin wollte ich nicht, dort gehen eh alle anderen hin.» In Barcelona nahm der 1983 in Zürich geborene Musiker Unterricht bei Ernesto Aurignac («Er arbeitet mit Peitsche und Zuckerbrot, das hat mir gutgetan»), nahm an der einen oder anderen Jamsession teil und besuchte den im Umland wohnenden Jazzmaestro Jorge Rossy, der seit seiner zehnjährigen Mitarbeit im Brad-Mehldau-Trio Legendenstatus besitzt. Knattern und säuseln Bleibt noch die Frage nach der Instrumentenwahl. Schliesslich taucht das Baritonsaxofon im Jazz sehr selten in herausgehobener Soloposition auf. Für dieses Horn braucht es nicht nur sehr viel Puste, sondern auch die Bereitschaft, sehr viel Gewicht mit sich herumzuschleppen. Tschopp erzählt: «In den 1990er-Jahren wollte ich unbedingt in der Big Band der Kanti Wattwil mitspielen – und da war nur noch die Stelle des Baritonsaxofonisten frei. Die Jazzschule habe ich dann allerdings mit dem Altsax in Angriff genommen, doch nach circa einem halben Jahr fehlte mir für dieses Instrument die Per- spektive.» Und so kam wiederum das Baritonsaxofon ins Spiel. Inzwischen darf Tschopp weltweit zu den komplettesten Baritonsaxofonisten des Jazz gezählt werden. Das heisst: Wenn er will, kann er die Schwer- und Schubkräfte seines Instruments voll einsetzen, er kann sie aber auch vergessen machen – damit schlägt er sozusagen einen Bogen von der «Knatter-Fraktion», die von Pepper Adams angeführt wird, zur «Säusel-Fraktion», deren Chef Gerry Mulligan ist. Da kann es nicht verwundern, dass Tschopp ein grosser Bewunderer des «verrückten» Multi-Instrumentalisten Scott Robinson ist, dessen Soloparts in der Big Band von Maria Schneider zu den Höhepunkten in der Ba- ritonsax-Jazz-Diskografie zu zählen sind. Vorbild Robinson Der kauzige Robinson wohnt in New Jersey vor den Toren New Yorks. «Da gibt es eine Instrumentensammlung, die wie ein riesiger Blechhaufen aussieht. Dann ist Robinson noch Zeppelin- und Science-Fiction-Fan und hat für jede dieser Leidenschaften ein eigenes Zimmer eingerichtet», berichtet Tschopp. Und fügt hinzu: «Robinson geht beim Komponieren auch oft von aussermusikalischen Ideen aus. Einmal hat er einen Vortrag seiner Frau vertont – sie ist Mathematikprofessorin.» Matthias Tschopp Quartet,Live: Fr, 14. 2., 20.15 Uhr, Esse-Musicbar, Rudolfstrasse 4. CD: Matthias Tschopp Quartet Plays Miró (Unit)

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