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Klinsmann strebt weiter nach Akzeptanz

Nirgendwo wird US-Coach Jürgen Klinsmann ­kritischer gesehen als in Deutschland. Im Duell gegen die DFB-Auswahl geht es für ihn heute Donnerstag in Recife deshalb um mehr als die Qualifikation für die WM-Achtelfinals.

«Der Prophet gilt nichts im eigenen Land», sagt ein altes Sprichwort. Hiermit die fussballerische Beziehung Klinsmanns zu seinem Heimatland zu beschreiben, wäre etwas gar übertrieben. Fakt ist jedoch, dass kaum ein Vertreter des deutschen Fussballs mehr polarisiert als der bald 50-jährige Schwabe. Das war schon zu seiner Zeit als Spieler so, und es ist erst recht so, seit Klinsmann vor zehn Jahren ins Trainermetier eingestiegen ist.

Seine zwei Jahre als deutscher Bundestrainer endeten an der Heim-WM 2006 mit dem von den wenigsten Experten für möglich gehaltenen 3. Platz. Klinsmann schwamm mit seiner Equipe auf einer Welle der Sympathie. Doch längst nicht alle sahen und sehen ihn uneingeschränkt als charismatischen und erfolgreichen Revolutionär. Klinsmann wurde als Motivator und Kommunikator wahrgenommen, die attraktive Spielweise und die moderne taktische Ausrichtung Deutschlands dagegen primär seinem damaligen Co-Trainer und späteren Nachfolger Joachim Löw zugeschrieben.

Schiffbruch mit Bayern

Nicht zuletzt deshalb kam es einer Sensation gleich, als Klinsmann im Januar 2008 als Nachfolger Ottmar Hitzfelds als Bayern-Coach präsentiert wurde. Die Euphorie wich in München jedoch bald der Einsicht, das «Experiment Klinsmann» besser früher als später abzubrechen. Zehn Monate nachdem er angetreten war, um den FC Bayern wie zuvor den DFB zu modernisieren und «jeden Spieler jeden Tag besser zu machen», war der eigenwillige Blondschopf kläglich gescheitert. Gleich mehrmals wurde Bayern unter ihm regelrecht vorgeführt. Die Spieler um den damaligen Captain Mark van Bommel klagten immer lauter über fehlende taktische Übungseinheiten. Rückblickend sagte Philipp Lahm: «Wir hatten einfach keine Grundordnung.»

Nach dem Münchner Intermezzo hat das Lager derjenigen in Deutschland, die Klinsmanns Fähigkeiten als Trainer anzweifeln, massiv Zuwachs erhalten. Bestätigt fühlten sich die Kritiker zuletzt, als vor einem Jahr bekannt geworden war, dass der Schwabe während seiner Bayern-Tätigkeit – im Gegensatz zu seinem Nachfolger Louis van Gaal – für den heutigen Superstar Thomas Müller keine Verwendung fand und ihn deshalb verkaufen wollte.

Die Top 15 als Ziel

Nach der Entlassung in München war Klinsmann gezwungen, seine Trainerlaufbahn im Ausland neu zu lancieren. Mit der US Soccer Federation fand er 2011 einen Arbeitgeber, der auf ihn zugeschnitten scheint. Seit 16 Jahren ist Kalifornien, die Heimat seiner Ehefrau, Klinsmanns Lebensmittelpunkt. Der Welt- und Europameister lernte die US-Mentalität schätzen und wurde mit der amerikanischen Sichtweise vertraut, was Sport- und Fitnessfragen anbelangt.

Als Entwicklungshelfer sieht sich Klinsmann in den USA nicht. Zupass kommt seiner Philosophie jedoch die Tatsache, dass er beim US-Verband – anders als im nervösen Münchner Umfeld – nicht unter Zeitdruck steht. Ende letzten Jahres verlängerte er seinen Vertrag bis 2018 und liess sich dabei noch mehr Kompetenzen zusichern; er fungiert seither auch als Technischer Direktor und damit als oberster Nachwuchschef. Klinsmanns Ziel lautet, den US-Fussball mindestens in den Top 15 der Welt zu etablieren. Hierfür erhielt er freie Hand und krempelte die Strukturen des Verbandes und die Spielweise erst einmal um.

Leidenschaftliche Auftritte

Agieren statt reagieren lautet nun die Devise; das US-Team soll deutlich mehr als früher auf Ballbesitz aus sein. Der vorzeitige Einzug in die WM-Achtelfinals wurde gegen Portugal zwar denkbar knapp verpasst, doch die leidenschaftlichen US-Auftritte in Brasilien trugen sichtbar Klinsmanns Handschrift.

Erkennbar ist auch heute noch sein Wirken beim DFB. Der US-Coach wird heute in Recife einen deutschen Betreuerstab (Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, Scouts) antreffen, der weitestgehend durch ihn installiert worden ist. Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte jüngst im Fachmagazin «Kicker»: «Klinsmann hat nicht alles neu erfunden. Aber er hat einiges in Bewegung gebracht, was heute in der Bundesliga gang und gäbe ist.» Klinsmanns Kritiker in Deutschland werden ob solcher Aussagen nicht verstummen. Nachhaltig Eigenwerbung betreiben würde der US-Coach in seiner Heimat vielmehr mit einem Sieg gegen seinen Freund Löw. si

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