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Körperhaftes, verstörend schön

Noch nie hat man Werke von Egon Schiele und Jenny Saville zusammen in einer Ausstellung sehen können. Das Kunsthaus Zürich wagt das Experiment. Das Resultat überzeugt.

Vieles, was diese Ausstellung verspricht, wird eingelöst: Die Begegnung dieser beiden Künstler ist tatsächlich ein «visuelles Experiment», das «die Wahrnehmung des Betrachters herausfordert». Und aus dem Mit- und Nacheinander der ebenso grosszügig ruhig wie kontrapunktisch präsentierten Werke ergeben sich visuelle Spannungen, die zu einem Dialog führen, der die Sinne schärft. Die fast aggressive Leib- und Körperhaftigkeit beim früh verstorbenen Österreicher Egon Schiele und die schier überwältigende Leib- und Körperhaftigkeit im Schaffen der acht Jahrzehnte jüngeren Britin Jenny Saville berühren, ja packen den Besucher der Ausstellung bei seiner eigenen, letztlich immer prekären Leiblichkeit. Und sein Bewusstsein wird geschärft: nicht nur für die Frische und ungebrochene Modernität Schieles, sondern auch dafür, was es heisst, Mensch zu sein zwischen Geborgenheit und Ausgesetztsein. Ungeschönt Verstörend, herausfordernd und faszinierend schön in ihrer Materialität von gestischer Linien- und drängender Flächenkunst sind beide, der 1890 geborene Egon Schiele (gest. 1918), den mit dem Kunsthaus Zürich einiges verbindet, und die 1970 geborene Jenny Saville, der man hierzulande noch nicht oft begegnen konnte. Schiele, so Kurator Oliver Wick, stand am Anfang des Ausstellungsprojektes; Saville, die sich in ihrem Schaffen nicht ausdrücklich auf Schiele bezieht, kam hinzu: Die ungeschönte Darstellung des Körpers, gerade auch des eigenen Körpers, findet sich bei beiden; beiden ist der menschliche Körper, der nackte menschliche Körper, das Mass der Dinge. Und Schiele wie Saville – bei ihr wird sich das im Lauf der Zeit wohl erst noch bestätigen müssen – tragen bei zu einem erweiterten Körperbewusstsein in der westlichen Kunst. Es ist eine reiche Ausstellung, die den Künstlern viel Raum gibt, dunklen für die drei Dutzend Gemälde von Egon Schiele, hellen für die 16 grossformatigen Gemälde und fünf grossen Studien von Jenny Saville. Die über 50 Arbeiten auf Papier aus der Hand Schieles werden in einem eigenen Kapitel gezeigt. Sie setzen, zusammen mit den Dokumenten aus dem Museumsarchiv des Kunsthauses, in denen die direkten Beziehungen zu Schiele deutlich werden, einen markanten Schlusspunkt. Keine Bildpaarungen, dafür offene Gegenüberstellungen und ein Klang im Raum. Keine vom Bild ablenkenden Texte, dafür Kon­zen­tra­tion auf das je Eigene. (Bei einem zweiten Rundgang empfiehlt sich der Audioguide, der Fakten liefert und das Geschaute zu vertiefen hilft.) Nur so viel Zusammenschau, wie jeder Betrachter möchte – den eigenen Körper, die eigenen Körpererfahrungen trägt jeder mit sich; der «Anspruch», der von den Bildern ausgeht, erinnert daran. Grosse Intensität Die Ausstellung setzt mit einer kleinen Aktstudie aus dem Jahr 1908 ein: Der Körper des jungen Künstlers ist in die Bildfläche verspannt – fast als hätte er beim Malen auf dem Spiegel gestanden, der ihn sein kurzes Leben lang begleitet. Bei späteren Werken hat man nicht selten den Eindruck, als hätten sich die Motive wühlend und intensiv in den Bildgrund eingebrannt. Und oft starrt es uns aus den Bildern entgegen, mal herausfordernd, mal gefährdet, verloren. Das gilt auch für eines der wenigen grossformatigen Werke Schieles, «Tod und Mädchen» (1915). Gestarrt wird auch bei Saville, weniger zum Betrachter hin (dafür kennt sie zumindest in dieser Ausstellung eher das ruhige Schauen), als in eine nicht näher zu bezeichnende Leere: So zeigt Saville in ihrer «Stare»-Serie das leicht abgewandte Gesicht eines jungen Mädchens, dessen linke Gesichtshälfte von einem dunklen Mal überzogen ist und das dar­um wohl das Angestarrtwerden kennt. Saville aber, die auch hier grosse Flächen mit grösster Souveränität malerisch gestaltet, erfasst das Gesicht mit anteilnehmender Ruhe und macht es, wie später in der Ausstellung das der blinden Rosetta (nichtsehend sehend), zu einem expressiven Ereignis. Saville, so sehr sie ungeschönte Körper ihrer, unserer Gegenwart zeigt, wirkt im Vergleich zu Schiele eigenartig positiv, ja vordergründiger. Ihre mehrfach aufgefächerten (Selbst-)Porträts wie in «Ruben’s Flap» oder als Mutter mit Kind (in Anlehnung an Leonardo da Vinci) stellen die Frage, was es bedeutet, in einem bestimmten Körper zu stecken, in einer bestimmten Fleischlichkeit zu Hause zu sein. Bei Schieles unerbittlicher Selbstbefragung hat die Psyche mehr Gewicht; bei ihm sitzt immer ein Stachel im Fleisch. Und ja, eine unter nackten Tatsachen verborgene Wehmut. Als ob keine Rettung, nur Suchen und Fragen und allenfalls Lust und Verzweiflung möglich wäre. Suchen und fragen So «weit» ist Jenny Saville verständlicherweise noch nicht. Die, wie sie selber sagt, nach einer Malerei strebt, in der die Farbe selbst körperliche Gestalt annimmt. Savilles Suchen und Fragen erfüllt sich im malerischen Akt, den sie ebenso virtuos wie klassisch beherrscht. «Wie unter einem Zoom lassen ihre enormen Akte ein positives Bild des Humanen erkennen», schreibt Maria Becker im Katalog. Man darf gespannt sein, wohin das führt. Savilles jüngste Werke in dieser Ausstellung erscheinen mir jedenfalls etwas allzu illustrativ. Angelika Maass

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