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kommentar Der Zauderer im Elysée

von STEFAN BRÄNDLE

Es ist ein kleiner Schritt für Frankreich, aber ein gewaltiger für François Hollande: Der französische Präsident nahm am Sonntagabend das Wort «Reformen» in den Mund. Seit seinem Amtsantritt war dieses Wort im Elysée tabu gewesen. Denn der 58-jährige Sozialist will nicht überhastet zu Werke gehen, sondern wohlüberlegt; nicht oberflächlich gestikulierend, sondern in die Tiefe wirkend. Bloss glauben ihm die Franzosen bereits nicht mehr. Vier Monate nach seinem Amtsantritt schlittert Hollande bereits ins Umfragetief. Und das, noch bevor er am Sonntag 20 Milliarden Euro an neuen Steuern bekannt gab. Die Antwort an der Umfragefront wird nicht auf sich warten lassen. Schon gestern lautete das Fazit der Pariser Medien, Hol- landes Stil sei gekennzeichnet durch Passivität, Zaudern und Mutlosigkeit.

Die britische Journalistin Sophie Pedder, Paris-Korrespondentin von «The Economist», schreibt in einem soeben erschienenen Buch namens «Die französische Verweigerung – die letzten verwöhnten Kinder Europas» sehr richtig: «Die Franzosen sind luzider, als die Politiker denken.» Sie sehen auch, dass alle vergleichbaren Nachbarländer, Italien bis England, von Spanien bis Deutschland, ihre Wirtschaft entschlossen reformiert haben oder reformieren. Spräche Hollande Klartext, würde die Nation des Savoir-vivre zuerst zwar laut protestieren; in Wahrheit würden die Franzosen aber verstehen, und Hollande stünde als wahrer Staatsmann da, dessen mutiges Handeln Respekt abverlangt.

Stattdessen lässt der Präsident wertvolle Zeit verstreichen. Alle echten Modernisierer der jüngeren EU-Zeit von Gerhard Schröder bis Tony Blair bedauerten rückblickend nur eins – dass sie nach ihrer Wahl nicht genug schnell gehandelt hätten. Wenn sich Hollande mit seiner «Agenda 2014» in ihre Reihe stellen will, muss er sich kräftig sputen.

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