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kommentar Zuerst müssen die Vorurteile fallen

von Thomas Spang

Recht und Gerechtigkeit fallen nicht in jedem Fall zusammen. Gewiss nicht beim Freispruch für George Zimmerman. Der Jury blieb nach den Gesetzen Floridas nicht viel anderes übrig, als den Verantwortlichen für den Tod des 17-jährigen Schwarzen Trayvon Martin laufen zu lassen. Angesichts der Beweislage konnte die Staatsanwaltschaft Notwehr nicht über jeden Zweifel hinaus ausschliessen.

Die Ungerechtigkeit ist, dass bestehende Vorurteile durch die Gesetze sanktioniert werden. Trotz Barack Obama im Weissen Haus herrscht bis zum heutigen Tag die Angst vor dem «schwarzen Mann». Selbst wenn er – wie in diesem Fall – nur mit einer Tüte Süssigkeiten und einer Dose Eistee «bewaffnet» ist.

Zimmerman gab seine Vorurteile zu erkennen, als er sich bei der Polizei über die «verdammten Dreckskerle» beschwerte, «die immer davonkommen». Damit meint er Einbrecher, die in seinen Augen aussehen wie Trayvon: jung, dunkelhäutig, mit einer Kapuze auf dem Kopf.

Das Recht in dem Tea-Party-regierten Florida ist so pervertiert, dass es zu Selbstjustiz und Vigilantentum einlädt. Wie sonst könnte jemand ungestraft einen Schuljungen auf dem Heimweg in der Dunkelheit verfolgen und töten?

Der gesunde Menschenverstand legt das Gegenteil nahe. Deshalb muss nicht der Freispruch, sondern das im Gesetzbuch verankerte Vorurteil vom Justizministerium überprüft werden. Florida ist kein Einzelfall. Eine Reihe anderer Bundesstaaten haben dieselben «Stand Your Ground»-Gesetze, die Schwarze um ihr Leben fürchten lassen. Ein Unding.

Der Fall «Trayvon Martin» symbolisiert die strukturellen Benachteiligungen, die Amerikas Schwarze bis heute erdulden müssen. Deshalb droht er Wunden entlang von Rassen- und Klassengrenzen aufzureissen. Die Afroamerikaner stehen am unteren Ende der Wohlstandsleiter, verlieren in Krisenzeiten zuerst ihren Job, müssen vor Wahllokalen stundenlang Schlange stehen und wandern sechsmal so häufig hinter Gitter wie weisse Amerikaner.

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